Samstag 16. Dezember 2017
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univie - das Alumnimagazin der Universität Wien

 

 

 

univie 3/2017

 Nov - Feb

 

© Shutterstock/Mr.TJ; Joker Pungyakwie viel risiko verträgt der mensch?

Was uns dazu treibt, unsere Komfortzone zu verlassen.
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Zwischen Hochgefühl und Ratio. Die Bereitschaft, ein Risiko einzugehen, ist eine sehr persönliche Angelegenheit und hat dennoch gesellschaftliche Relevanz. Wie weit wir in bestimmten Situationen bereit sind zu gehen, beeinflusst nicht nur unser persönliches Wohlergehen, auch das Vorankommen unserer Gesellschaft als Ganzes ist von der Suche nach Neuem getrieben. Eine Portion Unsicherheit ist dabei immer im Gepäck. Wie sie zum Risiko stehen und was sie dazu treibt, ihre Komfortzone zu verlassen, berichten Alumni, die in risikoaffinen Berufen tätig sind. Außerdem: wissenschaftliche Erkenntnisse über unser Verhältnis zum Risiko aus Psychologie und Soziologie.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leseprobe aus dem Schwerpunkt: 

Wie viel Risiko verträgt der Mensch? 

 

 

Text: Siegrun Herzog

 

Wenn das Adrenalin einschießt, das Herz klopft und das Publikum tobt, dann passt einfach alles. Dann weiß Maria Ramberger, dass ihr der Lauf geglückt ist. Der Lauf, von dem die Athletin im Snowboardcross anfangs großen Respekt hatte, der sie dazu zwang, wieder einmal ihre Komfortzone zu verlassen, ihre persönlichen Grenzen zu verschieben. „In diesem Augenblick hat man einfach die intrinsische Motivation, dass man es wieder machen muss, dass man mehr will“, sagt die 31-Jährige, die sich im Herbst 2016, nach zwölf Jahren im Weltcup, wie sie selbst sagt, „in Pension“ geschickt hat. Sechs RennläuferInnen treten beim Snowboardcross gleichzeitig gegeneinander an und müssen einen engen Parcours mit Schanzen und Sprüngen bewältigen. Stürze und Kollisionen sind an der Tagesordnung. „Im Snowboardcross gibt es keinen Weltcupläufer, der sich nicht schon einmal schwer verletzt hat. Die Chance, dass man sich nie verletzt, existiert also schon rein statistisch gesehen nicht“, gibt Ramberger zu. Ein gerissenes Kreuz- und Seitenband, diverse Gehirnerschütterungen, Prellungen und ein paar Knochenbrüche waren es bei der ehemaligen Weltcupläuferin im Laufe ihrer Karriere. „Ich bin ein rationaler Mensch, für mich ist das eine Entscheidung, die ich vorher treffe. Wenn ich nicht damit leben kann, dass ich mich schwer verletzen könnte, sollte ich diesen Sport nicht machen“, sagt die ehemalige Profi-Sportlerin und Alumna der Rechtswissenschaften der Universität Wien.

 

© Oliver Kraus/FIS

Maria Ramberger (rechts im Bild), Alumna der Rechtswissenschaften, war zwölf Jahre

Rennläuferin im Snowboardcross. 


Risikoverhalten testen. Wenn WissenschafterInnen, wie etwa in der experimentellen Psychologie, das Risikoverhalten von Menschen untersuchen, sind die Bedingungen nicht ganz so extrem: Die Versuchspersonen müssen zum Beispiel einen Luftballon aufblasen, das geht auch am Computer. Wie weit sie aufblasen, bleibt ihnen selbst überlassen, doch wer es schafft, den Ballon so groß wie möglich werden zu lassen, ohne ihn zum Platzen zu bringen, bekommt Geld dafür. Manche blasen ihn rasch so weit auf, dass er platzt, und kriegen gar nichts, andere tasten sich langsam vor. Risiko ist in der psychologischen Forschung dann Thema, wenn es um das Entscheidungsverhalten geht. Wie entscheiden sich Menschen in unsicheren Situationen? Wer ist bereit, wie viel Risiko einzugehen? Und warum nehmen wir überhaupt ein Risiko auf uns?

 

© Martin Zimmermann 

„Im Alter ab 25 bis 30 Jahren bekommt die Risikobereitschaft einen deutlichen Knick.“

Univ.-Prof. Claus Lamm, Kognitions- und Neurowissenschafter,

Universität Wien

Belohnung und Kontrolle. „Es scheint so etwas wie eine Persönlichkeitseigenschaft des Menschen zu sein, dass wir immer auf der Suche nach Neuem und neuen Herausforderungen sind. Und das birgt eben immer auch einen gewissen Unsicherheitsfaktor“, stellt Claus Lamm fest. Der Kognitions- und Neurowissenschafter beschäftigt sich an der Universität Wien mit sozialenVerhaltensweisen und deren neuronalen und biologischen Grundlagen. Für die einen ist es die Suche nach dem Kick-Moment im Sport, andere motiviert die Aussicht auf einen finanziellen Gewinn oder eine besondere Chance, die uns dazu bringt, Risiko einzugehen. Dass manche Menschen risikofreudiger sind als andere, hänge von der Sozialisation genauso ab wie von genetischen Einflussfaktoren, das entscheidende Merkmal aber sei das Alter, so der Psychologe. Denn im Alter ab 25 bis 30 Jahren erfahre die Risikobereitschaft einen deutlichen Knick, zumindest was das physische Risiko anbelangt, das „Sich-Beweisen-Wollen“, stellt Lamm fest und findet eine Begründung in der ­hirnphysiologischen Entwicklung des Menschen. Die Bereitschaft, Risiken einzugehen, werde nämlich von zwei Faktoren beeinflusst: „Einem motivationalen Faktor, also wie ‚cool‘ finde ich das, wie stark erhöht es meine positive Erregung? Und von einem rationalen, kontrollierenden Faktor, der darauf schaut, dass man nicht jeden Blödsinn mitmacht.“ Diese Systeme entwickeln sich über die Lebensspanne unterschiedlich, wobei die Kontrollsysteme, die hirnphysiologisch gesehen im sogenannten präfrontalen Cortex an der Stirnseite des Gehirns sitzen, erst im Alter von 25 bis 30 Jahren komplett ausgebildet sind, so Lamm. Die Adoleszenz ist deshalb eine besonders kritische Phase in Hinblick auf das Risikoverhalten, weil dann diese Systeme im Gehirn noch anders eingerichtet sind als bei älteren Erwachsenen.

 

© Martin Kernic

In den neurowissenschaftlichen Labors an der Fakultät für Psychologie

der Universität Wien werden Entscheidungsverhalten und

Risikobereitschaft auch mittels Elektroenzephalographie (EEG) erforscht.


Entscheidend für einen guten Umgang mit riskanten Situationen ist es, die Unsicherheiten und den möglichen Nutzen zu erkennen und abzuwägen. „Gutes Risikomanagement ist vor allem gutes Skill-Management. Wenn ich gut trainiert bin im Beruf oder im Sport, dann ist das automatisch mit einer gewissen Sicherheit verbunden, auf die ich zurückgreifen kann, wenn es einmal haarig wird“, sagt Lamm. Auf ihre Fähigkeiten verlassen muss sich auch die Sportlerin, sie prägt sich jedes Detail ein, übt einzelne Passagen immer wieder, bis der schwere Sprung, der fordernde Parcours sitzt. „Im entscheidenden Moment muss ich meine Fähigkeiten abrufen können. Ich weiß ja, dass ich es kann.“

 

„Im entscheidenden Moment muss ich meine Fähigkeiten abrufen können.“

 

Dr. Maria Ramberger,
Alumna der Rechtswissenschaften, ehemalige Weltcupläuferin im Snowboardcross, Consultant bei McKinsey & Company




 

© Markus Schiller

Was es heißt, im entscheidenden Moment das Richtige zu tun, das kennt auch Petra Ramsauer. Die Absolventin der Politikwissenschaft der Uni Wien ist bei Kriegen und Konflikten als Reporterin hautnah am Geschehen. Zuletzt im Nahen Osten, in Syrien und im Irak, wo sie immer wieder in riskante Situationen gerät, in der Nähe des IS, wo Granaten einschlagen und Scharfschützen lauern. Sehr genau hinhören und hinschauen müsse man in solchen Situationen, ob man sich noch einen Meter vor-, einen Meter zurückwagen kann. Ähnlich wie beim Bergsteigen, wenn man in Gipfelnähe komme oder in einen schweren Hang, man evaluiere die Situation. „Wenn man dann damit zu tun hat, dass man zu zittern beginnt, ist man verloren. Ich bin in so einem Moment einfach ex­trem konzentriert“, so Ramsauer.

Wie weit gehe ich? Diese Frage stellt sich auch die Reporterin. Aus Kriegs- und Krisengebieten zu berichten, ist ­entbehrungsreich und anstrengend: Schlafen auf Betonböden in notdürftigen Baracken, dazu extreme Hitze mit bis zu 50 Grad und durch die Schutzkleidung oft noch 35 Kilogramm an zusätzlichem Gewicht. „Das mache ich nur, weil ich einen gewissen Ehrgeiz habe, diese Geschichten zu schreiben, verstehen will, wie der Krieg funktioniert und letztlich sagen kann, ich war dort.“ Ihre Geschichten erzählt die Journalistin und Autorin zahlreicher Bücher (zuletzt: „Siegen heißt den Tag überleben: Nahaufnahmen aus Syrien“) über die Zivilbevölkerung, wie die ganz normalen Menschen Kriege und Konflikte erleben und überleben.

„Je mehr Risiko mit einer Tätigkeit verbunden ist, desto besser sind vorsichtige Menschen in so einem Job aufgehoben“, ist die Reporterin überzeugt und zögert nicht, auch „Stop“ zu sagen, wenn es zu gefährlich wird. Auch wenn sie viel Zeit, Geld und Aufwand investiert hat, überhaupt so weit gekommen zu sein. Sehr risikobereite KollegInnen würden rasch ausbrennen, wichtig sei es daher, immer wieder Pausen einzulegen zwischen den Einsätzen, und sich zu fragen: „Steht es wirklich dafür, was ich jetzt gerade mache?“ Und bisher stand es immer dafür. Informieren, Vorurteile abbauen und der fortschreitenden Islamophobie entgegenwirken, nennt die Journalistin ihre Motivation. „Ich finde es wichtig, dass Menschen aus Europa dorthin gehen, weil man eine andere Glaubwürdigkeit bekommt, ich erlebe mich auch als Übersetzerin zwischen den Kulturen.“ Über 100 Vorträge hielt Ramsauer im letzten Jahr. Vor allem Gemeinden, die Flüchtlinge aufgenommen haben, laden die Expertin ein, hier gebe es großes Interesse, mehr über die Lebensbedingungen der Geflüchteten in deren Herkunftsländern zu erfahren, sagt die Journalistin, die als eine der wenigen auch in den Auffanglagern in Libyen war. Für ihre Arbeit wurde Petra Ramsauer 2013 mit dem Concordia-Preis für Menschenrechte ausgezeichnet.

 

Jacqueline Godany 

 „Je mehr Risiko mit einer Tätigkeit verbunden ist,

desto besser sind vorsichtige Menschen in so einem Job aufgehoben.“

Mag. Petra Ramsauer,
Alumna der Politikwissenschaft, Journalistin und Autorin

Dem glamourösen Risiko-Image, das ihrem Job anhaftet, kann die 48-Jährige nichts abgewinnen. Ihr persönliches Risiko stuft Ramsauer nämlich nicht ­dramatisch höher ein als das des ­durchschnittlichen Österreichers – was ­allerdings aufgrund ihrer Tätigkeit dazu­komme, sei das Risiko, entführt zu werden. Einem möglichen Tod steht die Reporterin relativ gelassen gegenüber: „Ich habe viele Menschen sterben gesehen, auch enge Freunde und Kollegen, der Tod ist Teil meiner Realität.“

Risikogesellschaft. Die Sicherheit wird oft als die andere Seite des Risikos gesehen. „Bleiben wir auf der sicheren Seite“, sagen wir, wenn wir vermeintlich nichts riskieren wollen. Genau das aber scheint in unserer modernen Gesellschaft gar nicht mehr möglich zu sein. Zunächst ist Risiko nämlich der ­Ausdruck für einen enormen gesellschaftlichen Fortschritt. Die moderne Gesellschaft ist eine Risikogesellschaft, stellt Alexander Bogner fest und verweist auf den Soziologen Ulrich Beck, der den Begriff Mitte der 1980er Jahre geprägt hat. Wir haben gewisse Freiheiten und Gestaltungsspielräume erlangt und glauben nicht mehr, dass die Dinge vorherbestimmt oder gottgegeben sind. „Dadurch entstehen Entscheidungsmöglichkeiten für die Menschen und die sind natürlich riskant“, sagt der Soziologe, der an der Universität Wien „Gesellschaftsdiagnosen“ lehrt.

Die Karriere des Risikos begann aber eigentlich bereits im Mittelalter, im 11./12. Jahrhundert, als die führenden Seefahrer-Nationen beschließen, sich die Chancen des Welthandels nicht länger entgehen zu lassen. Geleitet von den Erkenntnissen der Mathematik, speziell der Statistik und Wahrscheinlichkeitstheorie, konnten sie mit den bis dahin als gefahrvoll und unberechenbar geltenden Zufällen nun rational umgehen. „Man stach nicht mehr einfach in See und ließ sich von Piraten überfallen, sondern versuchte Regelmäßigkeiten herauszufinden und bessere Optionen abzuschätzen, man übte also ein rationales Umgehen mit Risiken ein“, so Bogner.

 „Ein aktiver Umgang mit Risiko heißt im Wesentlichen,

ein Risiko gegen ein anderes einzutauschen.“

Dr. Alexander Bogner, Soziologe,

Institut für Technikfolgenabschätzung der ÖAW,

Lehrbeauftragter an der Universität Wien

© Pichler

Und wie gehen wir heute mit den Risiken unserer Zeit um? Heute bedeute ein aktiver Umgang mit Risiko im Wesentlichen, ein Risiko gegen ein anderes einzutauschen, gibt Bogner zu bedenken und verweist auf die Technikdebatten unserer Zeit. Bei Frage der Gentechnik oder der Nanotechnologie etwa sei man letztlich immer gezwungen, Risiken gegeneinander abzuwägen: Nehme ich lieber ein paar ökologische Risiken in Kauf oder eher gesundheitliche Risiken beim Menschen? Und: „Selbst durch die Regulierung dieser Technologien stellt man nicht Sicherheit her, sondern geht wieder neue Risiken ein. Man kann dadurch Märkte verlieren oder den wissenschaftlichen Fortschritt behindern“, so Bogner, der sich am Institut für Technikfolgen­abschätzung mit diesen Debatten aus­einandersetzt.

Die Variante des kontrollierten Risikos sei letztlich der Zustand, den wir als Mensch oder auch als Gesellschaft anstreben sollten, ist Claus Lamm überzeugt: Instrumentarien dafür zu entwickeln, das objektive Risiko wahrzunehmen, es mit den persönlichen Fähigkeiten abzugleichen und dann zu fragen: „Was bin ich bereit einzugehen?“ •

 >> Tipp: Die Alumni Lounge vom 23. Oktober 2017 zum Thema „Wie viel Risiko verträgt der Mensch?“ u. a. mit Alumna und Kriegsreporterin Petra Ramsauer zum Nach­hören

 

                                              

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