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univie 3/2015

November - Februar

 

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Round Table. Rund eine viertel Million von ihnen gibt es.
Was trägt ein ­Studium an der Universität Wien zum Selbstverständnis, zur ­Identität ihrer AbsolventInnen bei? Was macht sie einzig­artig?
univie hat nachgefragt – eine Spurensuche. 
(Foto: Shutterstock, Bearbeitung Egger & Lerch)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Round Table: 

Typisch Uni-Wien-AbsolventIn?

 

Text & Moderation: Siegrun Herzog

 

univie: Sie alle haben an der Universität Wien ein oder mehrere Studien abgeschlossen – was ist für Sie das Wichtigste, das Sie aus Ihrem Studium mitgenommen haben?


Dorian Cantele: Was ich aus dem Philosophiestudium mitgenommen habe, ist, Denksysteme zu hinterfragen und zu verstehen, wobei verstehen nicht unbedingt immer ganz leicht ist (lacht).


Marie Ringler: Ich finde schön, dass Sie das sagen – ich habe auch mit VWL begonnen an der Uni Wien mit dem Ziel, die Welt zu verstehen. VWL, Soziologie, Politikwissenschaft, später kam die Frauenforschung dazu. Ich habe aber auch mitgenommen, dass universitäres Studium alleine dieses Ziel nicht erfüllen kann. Es braucht noch ein paar wichtige Erfahrungen im Leben dazu.


Ulrike Felt: Wenn ich zurückdenke, was mir das Physik- oder Mathematikstudium am meisten gebracht hat – die Fähigkeit, abstrakte und komplexe Zusammenhänge herunterzubrechen, durch Umwege zu Lösungen zu kommen und daran ein Vergnügen zu finden.

 

Ingeborg Sickinger: Bei mir war es ein klassisches Interessensstudium, ich lese wirklich gerne und habe diese Freude am Lesen im Germanistikstudium vertiefen können. Das Wichtigste war für mich das, was ich heute täglich brauche: mir eigenständig neue Themen erarbeiten zu ­können.

  Suchart WANNASET

Zu vermitteln, dass jeder seine Bildung auch selbst gestalten muss und nicht nur warten kann gebildet zu werden, sagt die Universitäts-Professorin Ulrike Felt, sei ein wesentliches Anliegen der Universität an ihre künftigen AbsolventInnen.
Von links nach rechts: Ingeborg Sickinger, Dorian Cantele, Siegrun Herzog (Moderation), Marie Ringler und Ulrike Felt.

 

univie: Frau Prof. Felt, sind Sie als Lehrende mit diesen Antworten zufrieden? Ist es das, was Sie AbsolventInnen mitgeben wollen?


Felt: Das Ziel ist im Grunde, zu erlernen, wie man an ein Thema herangeht – aber auch zu erkennen, wo die Grenzen liegen. Und die Frage nach der Auseinandersetzung mit dem Neuen – wie geht man etwas an, mit dem man sich noch nie beschäftigt hat? Einer Herausforderung ausgesetzt zu werden, ist ein extrem wichtiges Erlebnis, vor allem es auch zu schaffen. Der Unterschied zwischen Schule und Universität muss sein, dieses Stück an Herausforderung an die Person zu richten, sich auch selbst zu bilden und nicht nur gebildet zu werden – Studierende früher auf das Realexperiment vorzubereiten. Vor allem der Bachelor sollte Studierenden das Sammeln unterschiedlicher Wissenserfahrungen ermög-lichen. Dann ist die zentrale Frage nicht mehr, was sie studieren, sondern dass sie studieren. Weitergehende Fähigkeiten zu vermitteln, die stärker auf Eigenständigkeit usw. ausgerichtet sind, das ist für mich die große Herausforderung, die Universität bildungspolitisch erfüllen muss.

univie: Herr Cantele, Sie sind mit der Personalberatung in einen für Ihre Fachrichtung untypischen Bereich eingestiegen. Wie sehr sind Sie in Ihrem Job Philosoph geblieben?


Cantele: Wenn ich so an die Privatwirtschaft denke, dann ist die Philosophie inhaltlich wirklich meilenweit weg. Methodisch war es aber hochinteressant und nützt mir, wenn ich etwa eine Rekrutierung in Verfahrenstechnik abwickle. Ich habe keine Ahnung von Verfahrenstechnik, muss es auch nur so weit verstehen, dass ich die richtigen Fragen stellen kann. Dass ich gelernt habe, mir fremde Denksysteme anzueignen, ist dabei schon hilfreich.

Suchart WANNASET

„Vor allem der Bachelor sollte Studierenden das Sammeln unterschiedlicher Wissenserfahrungen ermöglichen – dann ist die zentrale Frage nicht mehr, was sie studieren, sondern dass sie studieren.“ 


Ulrike Felt, Dekanin der Fakultät für Sozialwissenschaften und Professorin für Wissenschafts- und Technikforschung an der Uni Wien

univie: Frau Ringler, Sie waren in der Lokalpolitik und sind jetzt für die Non-Profit-Organisation Ashoka tätig – man hat den Eindruck, Sie wollen gestalten, verändern. War dieses Bestreben auch etwas, das an der Uni mitgeprägt wurde?


Ringler: Ja und nein (lacht). Es gab immerhin eine Lehrende, die total wichtig war für dieses Entwickeln. Ich habe ein Seminar bei Hillary Rose (britische Soziologin, Anm.) besucht, da ging es um Repräsentationssysteme in der Gesellschaft. Gemeinsam mit einer Gruppe von Mitstudierenden habe ich an einem Projekt zum Rassensaal des Naturhistorischen Museums gearbeitet, den es damals noch gab. In einer Mischung aus wissenschaftlicher Arbeit und Aktivismus haben wir uns damit beschäftigt, was man da so an Grauslichkeiten zu sehen bekommt und in welchen Denkschemata das verhaftet ist. Wir haben dann eine Parlamentarische Anfrage dazu verfasst, die dazu geführt hat, dass der Saal geschlossen wurde. Das war ein direktes Produkt dieses Seminars. Die Lehrende hat einen Freiraum geschaffen, wo das möglich war. Es gab aber auch negative Schlüsselerlebnisse, etwa stundenlanges Anstellen, um in ein Seminar zu kommen.

univie: Was weiß der Alumniverband über die AbsolventInnen? Was zeichnet sie aus?


Sickinger: Wir haben zu Beginn unserer Arbeit AbsolventInnen in Tiefeninterviews gefragt, wie das Studium an der Uni Wien ihr Leben geprägt hat. Wenn man das positiv beantworten kann, macht Alumni-Arbeit Sinn, denn dieser Grundwert der Verbundenheit ist wichtig. Bei diesen Interviews ist aufgefallen, dass die Bereitschaft, etwas zurückzugeben, bei der Mehrheit vorhanden ist und sogar „ungefragt“ geäußert wurde. Das ist auch unsere Grundstrategie in der Alumni-Arbeit, wir fragen die Leute, ob sie sich einbringen wollen, in Projektteams, als MentorInnen oder in Lehrveranstaltungen zum Berufseinstieg. Diese Grundbereitschaft, dass Uni-Wien-Alumni sich gerne engagieren, lässt sich auch quantitativ belegen. Jährlich gibt es eine AbsolventInnen-Erhebung von der Qualitätssicherung der Universität Wien. Auf die Frage, ob sie bereit wären, die Universität irgendwann zu unterstützen, finanziell oder ideell, sagt über die Hälfte der AbsolventInnen „ja“ – Abstufungen von „ja vielleicht“ bis „ja sicher“, also auf diese Grundbereitschaft kann man aufbauen.

univie: Ist diese Bereitschaft etwas zurückzu­geben auch das Besondere im ­Vergleich zum angloamerikanischen Raum, wo es ja eher um Spenden geht, die Bindung aber oft auch enger ist?


Sickinger: Wir fragen auch um Spenden. Wer keine Zeit hat, kann gerne Förderer werden. Es macht aber anscheinend mehr Spaß, sich zu engagieren für die Leute. Und es wird als Wertschätzung empfunden, in der eigenen Kompetenz gefragt zu sein.


Felt: Glauben Sie nicht, dass diese Vorstellung, zu einer Institution zu gehören, eigentlich erst entsteht, wenn einen jemand kontaktiert, nachdem man sie verlassen hat? Ich glaube, das ist ja nicht etwas, das nur durch die Zeit an der Institution entsteht. Sondern auch die Frage, ist das ein Bruch, wenn ich abschließe, oder gibt es da irgendeine Art von Interesse an Kontinuität? Ich glaube, vieles entsteht erst auch dadurch, dass ich Leute kontaktiere und sie frage. Man sucht vielleicht vorerst Distanz und kommt erst später drauf, dass es ziemlich hilfreich war in vielerlei Hinsicht.


Sickinger: Ja, das erleben wir auch so. Deshalb ist diese aktive Kontaktaufnahme so wichtig.


Ringler: Wenn ich darüber nachdenke – habe ich überhaupt eine Identität gehabt als Uni-Wien-Studierende? Wo habe ich mich zugehörig gefühlt? Ich war so eine nebenher Studierende, was es sicher nicht einfacher macht. Die Uni Wien hat es nicht in der Form geschafft, diese Bindung bei mir zu erzeugen. Dazu habe ich zu viele Anteile meines Studiums auch kritisch gesehen, muss ich offen sagen.

„Wir haben AbsolventInnen gefragt, wie das Studium an der Uni Wien ihr Leben geprägt hat. Wenn man das positiv beantworten kann, macht Alumni-Arbeit Sinn, denn dieser Grundwert der Verbundenheit ist wichtig.“


Ingeborg Sickinger, Geschäftsführerin des Alumniverbands und Alumna der Germanistik der Uni Wien

Suchart WANNASET

Felt: Das österreichische Studiensystem bietet ganz bestimmte Möglichkeiten. Sie haben völlig richtig gesagt, man kann nebenbei studieren, zu 50 % oder zu 25 %. Und daher ist es extrem schwierig zu vergleichen mit einem angelsächsischen oder französischen Kohortenmodell. Es ist etwas völlig anderes, ob Sie einem Jahrgang angehören, eine von hundert Ausgewählten sind, die beginnt, oder ob Sie eine von vielen sind.

univie: Unterscheidet sich das Selbstverständnis oder die Kultur von AbsolventInnen auch nach Art des Abschlusses, also ­empfindet das jemand nach dem Bachelorstudium anders?


Felt: Ja, ich glaube, dass ein Bachelor-Absolvent die Universität ganz anders erlebt als jemand, der länger an der Uni bleibt. Wenn Studierende beim Schreiben ihrer Ab-schlussarbeit in eine Gruppe oder Betreuung hineinkommen, wo es eine ernstzunehmende Auseinandersetzung gibt, werden sie aus dieser Uni völlig anders hinausgehen. Ich habe jetzt noch AbsolventInnen, die mich besuchen, wenn sie in Österreich sind. Das hat etwas damit zu tun, welche Beziehung man zu den Leuten hat, mit denen man denkt und arbeitet. Und es heißt auch, dass sie eine Erfahrung gemacht haben, an die sie sich gerne erinnern, und dass sie finden, hier etwas gelernt zu haben.

univie: Es wurde vorher gesagt, es ist eigentlich egal, was man studiert, wichtig ist, dass man studiert. Gelingt es, die erworbenen Fähigkeiten in Wirtschaftskompetenzen umzusetzen?

„Ich finde es schade, dass Studierende bzw. AbsolventInnen oft gar nicht wissen, was sie eigentlich können. Die meisten können nämlich mehr, als sie wissen.“


Dorian Centele, Consultant beim Personalberatungsunternehmen Mercuri Urval GmbH und Alumnus der Philosophie der Uni Wien

Suchart WANNASET

Cantele: Das ist ein Prozess, der mit dem Einstieg ins Berufsleben ohnehin passiert. Man merkt schnell, dass man nicht nur das anwendet, was man im Studium gelernt hat, sondern dass dazu auch andere Anforderungen kommen und kommunikative Kompetenzen gefragt sind, organisatorische oder planerische Kompetenzen. Ich finde es schade, dass Studierende bzw. AbsolventInnen oft gar nicht wissen, was sie eigentlich können. Die meisten können nämlich mehr, als sie eigentlich wissen. Und für mich als Personalberater ist es auch schwierig, sie auf Grund von Kompetenzen zu präsentieren, die ich zwar sehe, aber die AbsolventInnen gar nicht so recht mitbekommen.


Sickinger: Wir merken das in unserem Mentoringprojekt alma stark. Viele Studierende haben selbst knapp vor dem Abschluss noch das Gefühl, es fehle ihnen an Wissen, das Gelernte reiche noch nicht aus, sie können damit noch nicht raus in die Arbeitswelt. Es ist zunächst viel Bestärkung notwendig, einmal anzufangen, sich etwas zuzutrauen und auch in Worte zu fassen, was sie eigentlich gelernt haben. Da kann die Begleitung durch einen Mentor oder eine Mentorin sehr viel an Selbstvertrauen und argumentativer Unterstützung bringen.


Felt: Das ist genau diese Art von Reflexionsfähigkeit, die sie draußen brauchen. Sie müssen in der Lage sein, eine Situation einzuschätzen, und wie sie sich in dieser Situation verhalten. Ein Vortrag oder Referat ist im Grunde nichts anderes und eine gute Vorbereitung dafür. Wir müssen diese Kombination aus Können und Wissen stärker ins Zentrum rücken und den Studierenden beibringen, das Studium auch als Erfahrungsraum wahrzunehmen, in dem man Dinge ausprobiert und in dem man sich selbst kennenlernt.


Ringler: Ich finde, dass die Universität schon auch eine Rolle darin hat, Studierende zu ermuntern, während des Studiums aktiv zu werden. Das einzige Angebot war, Studentenpolitik zu machen. Warum kriegen nicht alle Studierenden der Uni Wien einen Newsletter, in dem steht „auf geht’s zum Westbahnhof, Bananen austeilen“. Das wäre ja auch eine mögliche Rolle einer Universität, sich gesellschaftlich zu engagieren und Studierenden zu zeigen, dass das ein Wert ist.

univie: Das Anliegen der Uni, die Schnittstelle zur Gesellschaft zu stärken, ist auch im Entwicklungsplan der Universität verankert …


Felt: Da müssten wir ein ernsthaftes Wort darüber reden, was wir unter Gesellschaft verstehen, sehr oft meinen wir Kooperation mit der Wirtschaft und nicht so sehr Verzahnung mit gesellschaftlichen Akteuren. Ich glaube, gerade bei den derzeitigen gesellschaftlichen Herausforderungen, ist zu überlegen, was können wir als Bildungsinstitution mit unserem Wissen beitragen? Wir haben so viele Fächer, die einen Beitrag leisten könnten. Unser Know-how zu bündeln, und zu sagen, man will da als Universität sichtbar sein, und kann auch einen Beitrag zum Verstehen aktueller Themen leisten. Gerade die Sozialwissenschaften und bestimmte Bereiche der Geisteswissenschaften sind extrem gefordert, hier etwas zu tun. (Die Initiative „wirhelfen.univie.ac.at“ startete eine Woche nach diesem Gespräch, Anm.)

Suchart WANNASET

„Ich finde, dass die Universität auch eine Rolle darin hat, Studierende zu ermuntern, während des Studiums aktiv zu werden und sich gesellschaftlich zu engagieren.“


Marie Ringler, Geschäftsführerin von Ashoka Österreich, Länderdirektorin für die Region Zentral- und Osteuropa und Alumna der Soziologie und Politikwissenschaft der Uni Wien

Ringler: Ich halte das für eine der wesentlichsten Aufgaben, nicht nur die Reflexion über Gesellschaft, sondern eben auch diesen nächsten weiteren Schritt zu gehen und zu fragen, „was kommt als Nächstes?“. Bei Ashoka haben wir ein globales Netz von Universitäten, die Teil unseres Netzwerks sind. Da gibt es ganz tolle Beispiele von Social Innovation Labs und Ähnlichem mehr, eben nicht nur auf der technischen Seite, nicht noch eine App, um die Welt besser zu machen. Da könnte die Uni Wien auch eine Vorreiterrolle spielen und zeigen, was möglich ist, weil sie mit den vielen Studierenden aus einem ungeheuren Potential schöpfen kann.

univie: Welche Rolle kommt AbsolventInnen bzw. dem Alumniverband in diesem Prozess zu, was können sie beitragen?


Sickinger: Was wir als Nächstes vorhaben, ist, diese Bereitschaft etwas zurückzugeben, in Form eines Online-Mentorings in die Breite zu bringen. Dabei soll es einerseits darum gehen, Erfahrungen aus dem Beruf weiterzugeben aber auch Fähigkeiten und Kompetenzfelder zur Verfügung zu stellen. Auf der Alumni Map versammeln sich bereits über 4.000 AbsolventInnen weltweit, sie können AnsprechpartnerInnen für AbsolventInnen sein, die im Ausland arbeiten möchten, aber auch Kompetenzfelder wie Nachhaltigkeit, Social Entrepreneurship oder Gender-Gerechtigkeit angeben. Wir wollen diese Bildung teilen, Wissen und Erfahrungen von AbsolventInnen für Studierende und Alumni zugänglich machen.

univie: Danke für die Diskussion! •

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