Dienstag 26. September 2017
©Shutterstock/Oleksandra Naumenko
univie - das Alumnimagazin der Universität Wien

 

 

 

univie 2/2017

 Juni - Oktober

 

© Shutterstock/Iryna Denysovawie gesundheit machbar wird

Ein- und Ausblicke von Wissenschaft und Alumni.
E-paper

PDF

Abo bestellen

 

Blick hinter die Labortüren und darüber hinaus. Was sich in den Labors und im Hörsaal an der Universität Wien Neues zum Thema Gesundheit tut: Der Ernährungswissenschafter Karl-Heinz Wagner ist auf einen Gendefekt mit positiven Nebenwirkungen gestoßen, er verhilft zu einem längeren und gesünderen Leben. MikrobiologInnen um Michael Wagner suchen nach Möglichkeiten, wie man die Bakterien-Gemeinschaft im Darm gezielt manipulieren kann, um Krankheiten vorzubeugen und zu therapieren. Und Privatdozent Karl Krajic thematisiert mit den Studierenden in seinen Lehrveranstaltungen, warum Gesundheit für unsere Gesellschaft immer wichtiger wird. Außerdem verraten Alumni, die im Ausland leben, ihre persönlichen Gesundheitsvisionen (auch) aus dem Labor und erzählen, wie sie das Gesundheitsbewusstsein in ihrem Land erleben.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leseprobe aus dem Schwerpunkt: 

Gesundheit (nicht nur) aus dem Labor 

 

 

Text: Siegrun Herzog

 

Zehn bis 15 Jahre hat man in der Regel Zeit, die Entwicklung ist bekannt: ein Zuviel an Energie, ein Zuwenig an Bewegung, Übergewicht nimmt zu, der Blutzuckerspiegel steigt leicht an und damit die Insulinausschüttung. „In diesem Prozess kann man durch Ernährungsumstellung und Lebensstiloptimierung extrem viel verändern. Man kann sogar den gesamten Prozess wieder aufheben, kann sozusagen auf ,Reset‘ gehen“, betont Karl-Heinz Wagner. Der Ernährungswissenschafter beschäftigt sich an der Universität Wien mit dem Präventionspotenzial von Ernährung – und das werde stark unterschätzt. Denn zahlreiche Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes entstehen durch eine längerfristige Fehl­ernährung.

Was man dafür tun muss? Große Geheimnisse gebe es nicht, genauso­ wenig wie DAS Wunder-Lebensmittel, das uns vor allen Krankheiten schütze. „Man sollte versuchen, die Ernährungsempfehlungen umzusetzen, sprich eine pflanzenbetonte Mischkost, viel Obst und Gemüse, vorzugsweise in den Farben des Regenbogens, um möglichst viele verschiedene Nährstoffe zu bekommen, viele Getreideprodukte, Fleisch und Fleischprodukte maximal zwei bis drei Mal die Woche sowie Fisch und gesunde Fette. Und regelmäßig Bewegung.“ Klingt eigentlich einfach. Tatsächlich aber schafft es nur jede(r) Vierte, die empfohlenen Bewegungseinheiten von 150 Minuten in der Woche zu realisieren.

 

 © Shutterstock/Vesna Cvorovic

Gesundheitsbewusstsein und Lebensstile in aller Welt: Über die Alumni Map

haben wir AbsolventInnen in aller Welt gefragt – lesen Sie hier die Beiträge aus den USA, aus Italien und von den Philippinen.

 

Gene oder Lebensstil. Grundsätzlich nehme das Gesundheitsbewusstsein zu, nur die Möglichkeit der Umsetzung fehle häufig, sagt Karl-Heinz Wagner und weiß, wovon er spricht. Sich nach einem ausgefüllten Arbeitstag noch auf den Heimtrainer zu setzen oder Laufen zu gehen, ist schon rein zeitmäßig eine Hürde. Dabei weiß die Wissenschaft, dass rund 30–35 % der Krebserkrankungen lebensstilbedingt entstehen und vor allem Dickdarm- und Brustkrebs stark mit Bewegung zusammenhängen. Warum fällt uns der gesunde Lebenswandel trotzdem so schwer? „Wir suchen immer nach Optimierung, aber nur nach außen hin. Eigentlich möchten wir so weiterleben, wie wir leben, und eine Pille nehmen, die dann alle Sünden wieder verschwinden lässt – nur diese Pille wird es nie geben“, ist Karl-Heinz Wagner überzeugt. Und jetzt die gute Nachricht: Der Phänotyp, also wie wir leben, uns ernähren und bewegen, spiele eine größere Rolle als der Genotyp, d. h. die genetische Anlage. „Generell wissen wir aber noch viel zu wenig darüber, welche Veränderungen im Körper die Gesundheit steuern, damit wir zum Beispiel sehr alt werden“, so Wagner.

 

"Der Phänotyp, also wie wir leben, uns ernähren und bewegen, spielt eine größere Rolle als der Genotyp, unsere genetische Anlage."

 

Univ.-Prof. Karl-Heinz Wagner

Ernährungswissenschafter, Uni Wien

 
© Universität Wien/Barbara Mair

 

Einem dieser Phänomene sind Wagner und sein Team bereits auf der Spur: dem Bilirubinstoffwechsel. Ein erhöhter Bilirubin-Spiegel macht sich an der typisch gelblichen Haut bemerkbar und wird, im Extremfall, mit Gelbsucht in Verbindung gebracht. Wagner konnte beweisen, dass moderat erhöhte Bilirubin-Werte aber nicht unbedingt schlecht für den Menschen sind. Die Betroffenen sind schlank, ihre Cholesterinspiegel und Entzündungswerte geringer und sie scheinen vor altersabhängigen Risikofaktoren geschützt. „Bilirubin ist ein klinischer Marker für ein längeres und gesünderes Leben.“ Wie sich dieses Phänomen von außen beeinflussen lässt, sodass man gezielt davon profitieren kann, muss noch erforscht werden. Bilirubin ließe sich jedenfalls nicht einfach als Nahrungszusatz aufnehmen, zu viel davon würde toxisch wirken, so Wagner.

 
Kleinste Helfer. Ein weiterer Erklärungsansatz, um zu verstehen, warum jemand fettleibig wird oder eben nicht, das Risiko für bestimmte Krankheiten in sich trägt, an Ängstlichkeit oder Depressionen leidet, kommt aus einem anderen Forschungslabor am Department für Mikrobiologie und Ökosystemforschung. Hier sind die WissenschafterInnen um Michael Wagner (Achtung, Namensvetter!), Alexander Loy und David Berry kleinsten Mikroorganismen auf der Spur, die unseren Körper bewohnen. Mit Gesundheit in Verbindung gebracht werden vor allem die Bakteriengemeinschaften in unserem Darm, in der Fachsprache Darmmikrobiom genannt. Manche bezeichnen das Darmmikrobiom sogar als neues Organ, schließlich macht es rund 200 Gramm in unserem Körper aus. „Krankheiten sind teilweise schon sehr gut erforscht, aber den Aspekt des Mikrobioms hat man bisher einfach nicht genügend beachtet“, sagt Michael Wagner. Krankheiten wie Diabetes, Übergewicht, Depressionen oder auch Autismus werden auch in Zusammenhang mit Störungen des Mikrobioms gesehen. Erst seit Kurzem weiß man zum Beispiel, dass bestimmte Darmbakterien Fettleibigkeit fördern und andere wiederum davor schützen. So kann anhand des Darmmikrobioms auch erstaunlich zuverlässig vorhergesagt werden, wie erfolgreich eine Diät anschlagen wird.
 

© Montage: shutterstock/namtipStudio, Muh Sahal Mahadi

 Die Bakteriengemeinschaft in unserem Darm, Darmmikrobiom genannt, ist essenziell für

 unsere Gesundheit. Erst seit Kurzem weiß man, dass bestimmte Darmbakterien etwa

 Fettleibigkeit fördern, während andere wiederum davor schützen.


Während man für eine Reihe von Krankheiten schon mit Sicherheit sagen kann, dass das Mikrobiom eine kausale Rolle spielt, hat man bei anderen Erkrankungen erste Korrelationen entdeckt, weiß aber noch nicht im Detail, wie die Zusammensetzung der Darmbakterien mit dem Ausbruch bestimmter Erkrankungen zusammenhängt. Für den Mikrobiologen steht fest: Die Mikrobiomforschung ist eines der Top-Themen der nächsten 100 Jahre. „Wenn wir das verstehen, sehe ich darin das Potenzial, unser Leben nachhaltig zu verändern.“
 
Designer-Pille. Ernährung genauso wie Reisen, Sport oder die Einnahme von Antibiotika verändert unser Darmmikrobiom. Wie wir es allerdings gezielt beeinflussen können, um bestimmte Erkrankungen zu vermeiden oder zu heilen, wird noch erforscht. Doch schon jetzt fällt dabei bereits der ein oder andere Therapieansatz ab. Dann nämlich, wenn Kranke von den Darmbakterien eines gesunden Menschen profitieren – die Fäkaltransplantation mag nicht besonders verlockend klingen, wirkt aber. So können unter Umständen lebensbedrohliche Durchfallerkrankungen durch Clostridium difficile, die häufig nach Einnahme von Antibiotika auftreten, durch Einführung eines gesunden Darmmikrobioms sehr erfolgreich geheilt werden. Dieser Therapieansatz wird nun auch für entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa und viele weitere Krankheiten untersucht. Da das Darmmikrobiom jedes Menschen unterschiedlich ist, ist aber die Auswahl passender Spender für die Fäkaltransplantation oft noch Glücksache. „In diesem Zusammenhang könnte die Archivierung der eigenen Darmbakterien, aus gesunden Zeiten, künftig gängige Praxis werden“, nimmt Michael Wagner an. Für den Mikrobiologen liegen besonders erfolgversprechende Ansätze in nicht mehr allzu weiter Ferne. In naher Zukunft werde es personalisierte Designer-Probiotika geben, mit denen wir unser Darmmikrobiom gezielt beeinflussen können. „Wenn einmal die zentralen Funktionen der Darmbakterien aufgeklärt sind, können aus den wichtigsten Stämmen hocheffiziente Probiotikacocktails zusammengestellt werden.“

 

© Universität Wien/Barbara Mair

"Die Mikrobiomforschung ist eines der Top-Themen der nächsten 100 Jahre. Wenn wir das verstehen, sehe ich darin das Potenzial, unser Leben nachhaltig zu verändern."

 

Univ.-Prof. Michael Wagner

Mikrobiologe, Uni Wien


Gesellschaftlicher Umgang. Dass Gesundheit nicht einfach ein Gottesgeschenk oder ein natürliches Ereignis ist, sondern zum Großteil etwas Gemachtes, wird auch klar, wenn man einen kurzen Blick zurück in die Medizin- und Sozialgeschichte wirft. Maßnahmen zur Förderung der öffentlichen Gesundheit Mitte des 19. Jahrhunderts, wie verbesserte Hygiene, aber auch bessere Arbeits- und Lebensbedingungen allgemein, ließen die durchschnittliche Lebenserwartung rasch von knapp unter 40 auf 55 Jahre steigen. Die großen technologischen Fortschritte im 20. Jahrhundert und vor allem die Entwicklung einer naturwissenschaftsbasierten, klinischen Medizin trieben die Lebenserwartung und Lebensqualität weiter voran – von 40 Jahren zu Beginn auf 75 Jahre am Ende des 20. Jahrhunderts. „Man kann an dieser Stelle sehen, dass Gesundheit in einem hohen Maße machbar und tatsächlich gemacht ist“, sagt Karl Krajic, der im laufenden Sommersemester auch eine Lehrveranstaltung zum Thema hält. Den Gesundheitssoziologen beschäftigt, wie die Gesellschaft mit Gesundheit und Krankheit umgeht. „Es ist eindeutig gesünder, einen guten Job zu haben, wohlhabend und gebildet zu sein, was die Lebenserwartung, aber auch was den subjektiven Gesundheitszustand betrifft“, stellt Krajic fest. Oder anders gesagt: je niedriger die soziale Schicht, desto höher die Wahrscheinlichkeit, frühzeitig zu sterben.

Die Entwicklung geht jedenfalls weiter in Richtung mehr Gesundheit, ist sich der Gesundheitssoziologe sicher. Die Lebenserwartung werde – wenn keine großen Katastrophen passieren – weiter steigen und die Zahl der krankheits- und behinderungsfreien Jahre ebenso. „In Zeiten von Machbarkeit und Selbstoptimierung müssen wir nur aufpassen, dass sich Leistungsgedanke und Befindlichkeit für uns die Waage halten.“ •

 

Im Sommersemester 2017 stellte die Universität Wien ihren Wissenschafter­Innen die Semesterfrage: Gesundheit aus dem Labor – was ist möglich?

Lesen Sie hier alle Beiträge

 

>> Veranstaltungstipp:


Geheimnis Gesundheit

Zwischen Präzisionsmedizin und Prater
Podiumsdiskussion zur Semesterfrage
"Gesundheit aus dem Labor – Was ist möglich?"

Dienstag, 13. Juni 2017, 18:00 - 20:00

Großer Festsaal im Hauptgebäude der Universität Wien
Universitätsring 1, 1010 Wien

Details

 

 

                                              

Hauptsponsor                           Partner Medienpartner
                                
         

 

 

Weiterführende Angebote für Alumni/ae:    » Uniport Karriereservice    » Postgraduate Center

 

Sind Sie schon auf der Alumni Map?

 

Alumniverband der
Universität Wien
Campus der Universität Wien
Spitalgasse 2, Hof 1.5
A - 1090 Wien

T: +43 1 4277 - 28001
F: +43 1 4277 - 9280
E-Mail

http://www.alumni.ac.at/