Im Juli 2008 machten sich 15 Alumni und Alumnae auf, um Costa Rica in Begleitung eines erfahrenen Biologen zu erforschen - hier der Reisebericht von zwei ReiseteilnehmerInnen:
Reisebericht Costa Rica
Text & Fotos: Dr. Gabriele Kerber und Dr. Christian Baumgartner
Costa Rica, die "reiche Küste", wurde im Jahre 1502 von Christoph Columbus bei seiner vierten Entdeckungsfahrt für die spanische Krone in Besitz genommen. Columbus erwartete sich Gold, Silber und unermessliche Schätze, all dies aber konnte er hier nicht finden, da üppige Vegetation und feucht - warmes Klima eine Kolonialisierung behinderte.
Was damals Columbus nicht zu schätzen wusste, wurde für uns 15 naturbegeisterten Reiseteilnehmer zu einem unvergesslichen Abenteuer. Anton Weissenhofer begleitete uns 15 Tage lang quer durch Costa Rica, brachte uns nicht nur die artenreiche Botanik oder auch die unglaublich diverse Fauna näher, sondern auch die sozioökonomischen Aspekte, die dieses Land zwischen Nicaragua und Panama so unvergleichlich machen.
Costa Rica selbst ist etwa so groß wie die Schweiz und hat 4,2 Mill. Einwohner, die sich selbst "Ticos" nennen. Mehr als 1/4 der Landesfläche stehen unter Naturschutz- Guanacaste im Nordwesten Costa Ricas wurde sogar zum Weltkulturerbe erklärt. Dieses Schutzgebiet umfasst drei Nationalparks und ein Naturschutzgebiet. Insgesamt gibt es in Costa Rica 3 Gebiete mit dem Status eines Weltkulturerbe: Guanacaste, Talamanca-La Amistad, Kokosinseln- wir durchquerten das Talamancagebirge.
Anton Weissenhofer
Die Reise war geprägt von der dichten Flora und Fauna Costa Ricas. Die Biodiversität beruht auf der Vielfalt der Landschaftsräume: Das Tiefland ist auf der Pazifikseite durch Trocken- und Regenzeit geprägt, während auf der Karibikseite, ganzjährig gleichmäßig viel Regen fällt. Das Land wird von Nordwesten nach Süden von den Kordilleren durchzogen, Vulkane prägen das Landschaftsbild und den Lebensraum. Zwischen zwei Gebirgsketten liegen das Hochland sowie die Hauptstadt San Jose sowie die zweitgrößte Stadt Carthago. In diesem Gebiet leben etwa zwei drittel der Bevölkerung.
Wir starteten in diesem klimatisch angenehmen Gebiet unsere Reise.
Nachdem wir uns in der Hauptstadt San Jose eingefunden haben, konnte die Reise des Alumniverbandes der Universität Wien so richtig beginnen.
Zunächst erkundeten wir das Gebiet um den Vulkan Irazu und um den Vulkan Poás. Das Klima auf 3400 m Seehöhe entspricht etwa dem eines nebeligen Regentages in Österreich Mitte Oktober, Regenjacken waren angebracht. Umso erstaunlicher als wir hier auf dieser Höhe, wo wir uns bereits deutlich über der Waldgrenze befanden, die großblättrigen "Gunnera" antrafen. Diese Pionierpflanzen leben symbiontisch mit Blaualgen, welche die Pflanze mit Ammoniumstickstoff versorgen. Nur dadurch ist es möglich, dass eine Pflanze mit Blattdurchmessern von über einem Meter unter diesen widrigen Bedingungen das Auslangen finden kann. Aber auch diese Blaualgen sind Spezialisten: lediglich wenige Lux Lichtstärke reichen für die Assimilation aus!
Gunnera
An den Hängen der Vulkane wird intensive Gemüsewirtschaft betrieben. Erstaunlicherweise war das Gemüse selbst auf den lokalen Märkten relativ teuer. Eine Kostprobe dieser frisch gepflückten Erdbeeren überraschte uns, denn Erdbeeren wachsen in Costa Rica das ganze Jahr über!
Nichtsdestotrotz war der Wettergott gnädig- wir konnten jeweils einen Blick auf den grünen Kratersee des Irazu und den beeindruckend türkis gefärbten See des Poás werfen.
Doch zurück zu den wirtschaftlichen Aspekten Costa Ricas: eines der wichtigsten Exportgüter ist Kaffee. Obgleich der Zenit des Coffea arrabica in Costa Rica bereits überschritten ist, existieren nach wie vor beträchtliche Kaffeepflanzungen. Wir bekamen einen Einblick in die Kultivierung des Kaffees: Die Ernte erfolgt nach wie vor manuell und ist wie auch vor hundert Jahren noch immer sehr mühsam. Die Schulferien werden den Erntezeiten angepasst, damit die Kinder mithelfen können. Die Kaffeestauden bieten nach der Ernte ein jämmerliches Bild, da auch sehr viel Blattmaterial mitgeerntet wird.
Nicht nur Kaffee wird exportiert. Als Erbe der Zeitperiode mit der United Fruit Company gehören auch Bananen, Ananas und zu einem geringeren Anteil Zucker aus Zuckerrohr zu den Exportgütern. Zucker hat in seiner veredelten Form, dem Rum, uns meistens vor eventuellen Krankheiten geschützt. Die Anwendung war selbstverständlich nur für medizinische Zwecke.
Unsere Tour führte uns an den sehr aktiven Vulkan Arenal, der uns zum Frühstück mit einem kleinen Ausbruch und einer beeindruckenden Rauchwolke begrüßte; am Abend begeisterte er uns mit einem Feuerwerk aus glühendem Gestein und herabfallender Lava.
Auch das Wellness Feeling kam nicht zu kurz- nach einer anstrengenden Vulkan Tour entspannten wir uns im Thermalwasser- erwärmt durch den Arenal- von Tabacon.
Bis dahin war für uns nicht ganz einleuchtend, warum Anton so eindringlich empfohlen hatte, Regenschirme und Regenjacken mitzunehmen, alle Gegenstände in Nylonsäcke einzupacken und vorsichtshalber noch mindestens fünf Reserve - Plastiksackerln einzustecken. Der Begriff Regenwald war für uns noch kein Begriff - geregnet hatte es bis zu diesem Zeitpunkt nämlich nur mäßig. Nun gut, die Erkundung des Kronendachs auf bis zu 50 m hohen Hängebrücken am Fuße des Arenals zeigte uns, was ein Regen im Regenwald sein kann. Wir waren nass bis auf die Haut, in den Schuhen stand das Wasser und durch den Regenschirm regnete es hindurch. Doch kalt wurde uns nicht. Wir mussten uns noch daran gewöhnen, dass Regen - anders als in Österreich- hier nichts Bedrohliches darstellt.
Regen
Neben dem beeindruckenden Gewitter, das wir hier miterleben dürfen, stießen wir auf unsere erste Bothriechis schlegelii (Schlegelsche Lanzenotter), eine in Costa Rica häufige Giftschlange. Sie so gut getarnt, dass wir sie erst sahen nachdem Sie mit einem Laserpointer markiert wurde, obwohl sie nur etwa 20 cm von uns entfernt um einen Ast geschlungen lag.
Botrichis schlegelii
Auf Lavafeldern am Fuße des Arenals konnten wir Sukzession von Pionierpflanzen bis hin zur Bewaldung in den unterschiedlichsten Stadien beobachten. Das sehr wehrhafte Gynerium sagittatum, ein etwa 2-3 m hohes Gras, dessen Ausläufer sich durch den Boden bohren und sich so vegetativ vermehrt, übernimmt sehr bald das Kommando bei der Neubesiedelung. Weiter in der Sukzession folgte das hübsche, wie kleine Christbäume aussehende Bärlappgewächs Lycopodiella cernua, ein Spreizklimmer und auch die orange blühende Orchidee Epidendrum radicans sowie andere Orchideenarten.
Carotingefärbte Algen Trentepohlia aurea als Pionierpflanzen, die sonst nur im Wasser vorkommen, war für die Biologen Christian Smoliner und Anton Weissenhofer fast schon eine kleine Sensation.
Orchis
Schreitet diese Besiedelungsabfolge weiter voran, verdrängen höhere Bäume die Gynerium-Bestände vollständig. Einer der faszinierendsten Bäume, Cecropia insignis, lebt in Symbiose mit Ameisen. Dieser Baum lockt Ameisen mit der Strategie an, ihnen einerseits Lebensraum in seinem gekammerten Stamm zu bieten und andererseits auch Nahrung in Form von Müllerschen Körperchen. Diese winzigen Körperchen sind einzigartig im Pflanzenreich und beinhalten einen tierischen Speicherstoff, nämlich Glycogen. Die Zusammensetzung dieser Körperchen ist optimal auf die Bedürfnisse der Ameisen abgestimmt, die dem Baum im Gegenzug dafür vor Fraßfeinden schützen und ihn von Aufsitzerpflanzen, sog. Epiphyten, frei halten. Schlägt die Besiedelung mit Ameisen fehl, stirbt auch der Baum ab.
Cecropia mit Müllerschen Körperchen als Ameisennahrung
In La Fortuna, der Stadt am Fuße des Vulkan Arenal, besuchten wir einen Kräutergarten, in dem wir uns durch viele unterschiedliche Kräuter- Geschmacksrichtungen von pfeffrig scharf des Piper nigrum über Süß von Stevia peruviana bis interessant und gewöhnungsbedürftig von Noni (Morinda citrifolia) durchkosteten.
Nonifrucht
Im Nationalpark Manuel Antonio trafen wir auf eine Gruppe Agutis, scheue Nager, etwa so groß wie Murmeltiere, die sich aber alsbald wieder ins Unterholz zurückzogen. Ganz aus der Nähe konnten wir in freier Wildbahn ganz unterschiedlichste Schlangen, Basilisken, einen nicht ganz touristenscheuen Waschbären und sogar ein schlafendes Stachelschwein beobachten. Als sich dann noch ein undefinierbarer, etwa 50 cm großer Blatthaufen auf einer Guazuma ulmifolia als Zweizehenfaultier entpuppt, war der Nachmittag perfekt.
Doch nun stand uns der Höhepunkt unserer Reise unmittelbar bevor- die Tropenstation La Gamba. Diese Station wurde von Prof. Michael Schnitzler 1993 ins Leben gerufen und wird seitdem von Dr. Werner Huber und Dr. Anton
Weissenhofer geleitet. Mehrere Diplomanden und Dissertanten sowie Wissenschaftler arbeiten hier vorwiegend an biologischen, soziologischen und humangeografischen Fragestellungen. Seit 2007 steht auch ein Labor zur Verfügung, wodurch jetzt auch die Aufbereitung von Proben möglich ist. Wegen der hohen Luftfeuchtigkeit wäre es abgesehen von den fehlenden finanziellen Mitteln kaum möglich, HPLCs oder GC oder ähnlich komplexe Geräte zu installieren.
Vor kurzem wurde ein Buchprojekt abgeschlossen, an dem über 90 internationale Autoren mitgearbeitet haben. Das Buch mit dem Titel „Cultural and Natural History of the Golfo Dulce region" gibt einen Überblick über wissenschaftliche Aktivitäten und deren Erkenntnisse in einer der schützenswertesten Regionen Costa Ricas.
Schon die erste Erkundungstour durch den (botanischen) Garten der Station war spannend- etwa sind wir noch nie zuvor Theobroma cacao samt Früchten begegnet. Auch der Badeteich ist paradiesisch anzusehen und sicher auch zum Baden geeignet- wenn sich da nicht von Zeit zu Zeit ein Kaiman tummeln würde.
Direkt hinter der Tropenstation, etwa 15 Gehminuten, beginnt der Regenwald der Österreicher. Dieses Schutzgebiet mit der Größe von 140 km2 setzt sich vorwiegend aus primären tropischen-immergrünen Regenwald zusammen. Der Regenwald der Österreicher, der Teil des Nationalparks Piedras Blancas ist, wurde zum Teil durch Spenden aus Österreich finanziert. Heute wird versucht weitere Waldflächen am Rande des Schutzgebietes dazuzukaufen um das Gebiet zu vergrößern.
Teich
Frosch als Bewohner des Regenwaldes
Einer der Höhepunkte des Aufenthaltes in der Tropenstation war die etwa 8 stündige Durchwanderung des Regenwalds der Österreicher. Bereits nach wenigen Minuten Gehzeit entdeckten wir die seltsam anmutenden Blüten einer Psychotria.
Der Pfad, dem wir die ersten zwei Stunden folgten, war zum Teil zu Fuß schwer passierbar. Dieser Weg war ursprünglich eine Strasse, die früher von riesigen LKWs zum Abtransport des Tropenholzes genutzt wurde. Bei dem Zustand dieses schmalen Weges ist das aber heute kaum mehr vorstellbar.
Entlang dieses Weges konnten wir auch einen der kleinsten Bäume der Welt blühend begutachten, eine 10 cm großes Bäumchen der Gattung Biophytumaud der Familie der Sauerkleegewächse.
Biophytum
Nicht nur Schönheiten des Regenwaldes konnten wir betrachten, sondern auch- wenn nicht gerade giftig oder schleimhautreizend- eine Vielzahl an Früchten und Pflanzen verkosten. Die sehr stärkhaltige Frucht der Pejibaye, der Pfirsichpalme, kann zu einer köstlichen Suppe verarbeitet werden, die geschmacklich an Kürbiscremesuppe erinnert.
Besonders faszinierend war auch die etwa 2 Stunden dauernde Flusswanderung stromaufwärts. Die Flüsse sind anders als in unseren Breiten völlig frei von Bewuchs oder sogar Verschmutzung, denn das kristallklare Wasser war zum größten Teil nährstoffarmes Regenwasser.
Flusslandschaft
Was Costa Rica auch so einzigartig macht, ist die Trinkwasserqualität. Aus fast jedem fließendem Wasser kann nämlich getrunken werden, ohne damit rechnen zu müssen, Beschwerden irgendeiner Art davonzutragen.
Fast am Ende unserer Reise angelangt konnten wir auf zahlreiche Bilder und Erinnerungen zurückblicken: Die zahlreichen kulinarischen Genüsse- von exotischen Früchten über die typische Küche bis hin zu unserem medizinisch verwendeten Rum- all dies konnten wir probieren .Die verschiedenen Landschaftsgebiete- Bergregenwald, Tieflandregenwald, Küstengebiete mit und ohne Mangrovenwuchs und die urbanen Regionen die wir erkundeten. Die unbeschreibliche Flora und Fauna. Wir erhielten einen Einblick in die Überlegungen der Bevölkerung über Ölpalmen- oder Ananasplantagen und die Möglichkeiten der Ertragssteigerung bis hin zu Aspekten des ökologischen Landbaus oder Wiederbewaldung.
Mit einer Beteiligung an der Verbreiterung eines Korridors durch das Ansetzten von ca. 200 Jungbäumen bedankten wir uns bei Anton Weissenhofer und den Ticos für die verbrachte Zeit an der „reichen Küste".
Costa Rica und besonders die Tropenstation in La Gamba zu erleben war für mich ein Erlebnis, das seinesgleichen sucht. Die freundlichen Ticos, die Liebe der dort lebenden Menschen zur Natur und nicht zuletzt Anton Weissenhofer haben uns ein völlig neues Gesicht unserer Erde gezeigt, Aspekte, die mich tief und nachhaltig berührten.
Gruppenfoto
Weitere Info zur Tropenstation La Gamba: www.lagamba.at
NaturStudienReisen nach Costa Rica: www.naturreisen.at
Und noch mehr Costa Rica:
Ausstellung "Der Pfad des Jaguars, Tropenstation La Gamba"
bis 22.03.2009 im Biologiezentrum Linz > mehr
Und noch mehr Reisen:
Nächste Alumni/ae-Reise nach Andalusien - Anmeldeschluss 27.11.2008! > mehr