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SCHWERPUNKT

Ein Gespür für die Lücke



Wie Spitzenforschung funktioniert. Dass an der Universität Wien Spitzenforschung betrieben wird, ist für die größte Forschungseinrichtung des Landes nicht weiter verwunderlich. Doch worin ist die Uni Wien besonders gut? univie hat „Leuchttürme“ aufgespürt: Top-ForscherInnen verraten, wie sie es an die Spitze geschafft haben, woran sie forschen und warum Research Grants so wichtig sind.


Text: SIEGRUN HERZOG  |  Artikel als PDF



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Forschungslücken lassen sich
oft nur erahnen. Wer an vorderster Front mitmischen will, muss Themen setzen.


Rund 5.000 europäische ForscherInnen bewerben sich jedes Jahr um die begehrten, hochdotierten Förderpreise des Europäischen Forschungsrates (European Research Council, kurz ERC). Ihre Frustrationstoleranz sollte hoch sein, denn die Konkurrenz ist groß und der Großteil von ihnen muss mit einer Absage rechnen. Lediglich 12 bis 13 Prozent der Bewerber­Innen kommen in den Genuss einer Förderung. Für sie zahlt sich das Risiko allerdings aus: Bis zu 2,5 Millionen Euro kann man für ein 5-jähriges Forschungsprojekt lukrieren. Kein Kinkerlitzchen, will man Spitzenforschung betreiben. Die Einwerbung von ERC-Grants ist vielfach Schlüssel zum Erfolg, die Förderung der Spitzenforschung vor Ort die Grundlage dafür.

Herlinde Pauer-Studer, Professorin für Philosophie an der Universität Wien, ist eine derer, denen es gelungen ist, diesen dicken Fisch an Land zu ziehen. Als erste Geisteswissenschafterin an der Uni Wien hat die Philosophin mit ihrem Forschungsprojekt über die Verzerrung normativer Strukturen während des NS-Regimes („Distortions of Normativity“) den Förderpreis für etablierte ForscherInnen, in der Fachsprache „Advanced Grant“, gewonnen. Ihr Erfolgsrezept? Ein gewisses Gefühl müsse man entwickeln, meint Pauer-Studer rückblickend, wo wirkliche Forschungslücken auszumachen sind. „Wenn man den Antrag schreibt, weiß man im Endeffekt selbst noch nicht genau, wie interessant das Forschungsgebiet wird. Wir hatten auch Glück, es hat sich als noch ertragreicher und interessanter herausgestellt, als ich es bei der Antragstellung vermutet habe“, freut sich die Spitzenforscherin.

Harte Konkurrenz. 2.500 WissenschafterInnen kamen europaweit seit Einführung des EU-Forschungspreises im Jahr 2007 bereits in den Genuss der Millionenförderung. Längst wurde der ERC-Grant zu einem Qualitätskriterium, an dem sich Europas Universitäten messen. 17 solcher Top-WissenschafterInnen forschen derzeit an der Universität Wien. 26,6 Millionen Euro an Fördergeldern konnten sie vom European Research Council bisher insgesamt lukrieren. „Eine Performance, auf die nicht nur die einzelnen Wissenschafterinnen und Wissenschafter, sondern auch die Universität Wien insgesamt stolz sein kann“, befindet Rektor Heinz W. Engl. In der Forschung sei die Universität Wien derzeit recht gut aufgestellt, trotz der – gerade im internationalen Vergleich – schwierigen Rahmenbedingungen. Besonders erfolgreich beim Einwerben der begehrten Forschungsgelder ist die Biologie/Biochemie (7), gefolgt von der Mathematik (4) und der Quantenphysik (3). Weniger stark vertreten sind die Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften (insgesamt 3), nicht nur an der Universität Wien, sondern dieser Trend ist insgesamt ablesbar. In den Kultur- und Geisteswissenschaften fehle schlicht noch die Antragskultur, meint Helga Nowotny, die Präsidentin des Europäischen Forschungsrates. Es sei schon wahrscheinlicher, dass spannende Forschungsergebnisse eher in einer größeren Gruppe herauskämen, das sehe man bei erfolgreichen Antragsteller­Innen, die den Grant auch zum Aufbau einer Arbeitsgruppe nutzen, so Nowotny.

Mit dem europaweiten Förderprogramm hat der Europäische Forschungsrat den Wettbewerb zwischen den Universität ten jedenfalls weiter angekurbelt. Was die Anzahl der ERC-PreisträgerInnen anbelangt, spielt die Uni Wien in einer Liga mit der TU München oder der Universität Genf. Die britischen Elite-Universitäten Oxford und Cambridge führen mit jeweils über 70 ERC-PreisträgerInnen die Riege der europäischen Universitäten an.

No risk, no fund. Während es in anderen Förderprogrammen darum geht, bereits vorher sehr genau zu wissen, was bei einem Forschungsprojekt herauskommt, fördert der ERC das Risiko, ja macht es sogar zur Bedingung. Was im Englischen „Frontier Research“ genannt wird und sich am ehesten mit „Pionierforschung“ übersetzen lässt, deutet an, dass es um die Grenzüberschreitung in den unbekannten Bereich des Wissens geht. „Stärke erhält das Profil der Forschung, indem dieses über originelle und originäre Ansätze riskanter Forschung bereichert wird. In diesem Sinne bemüht sich die Universität Wien, die Tradition dort, wo sie sich bewährt hat, weiterzuführen und gleichzeitig in neue, riskante und innovative Felder der Forschung vorzudringen“, so Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Vizerektorin für Forschung und Nachwuchsförderung an der Universität Wien. „Ohne diesen Risikogedanken kommen wir in der Forschung nicht weiter. Darum muss man auch in der Forschungsförderung bereit sein, Risiken einzugehen“, ist auch ERC-Präsidentin Nowotny überzeugt.

Gerhard Herndl, Leiter des Departments für Meeresbiologie, stößt in dasselbe Horn: „Es gibt immer Überraschungen, auf die man in der Forschung stößt. Manchmal wird man dann sogar von ,Nature‘ oder ,Science‘ abgelehnt, bis man die neuen Ansätze dann doch wo durchbringt.“ Mit der Förderung durch den ERC könne man sich auf Neuland begeben und habe mit fünf Jahren auch genug Raum, sich auch einmal kurz verlaufen zu können, diese Möglichkeit gebe es bei anderen Förderungen nicht.

Wie wird man Spitzenforscher/In? Fragt man Top-ForscherInnen nach dem Geheimnis ihres Erfolges, wird rasch klar: Wer in der Spitzenforschung reüssieren will, muss nicht nur über entsprechende Publikationslisten in anerkannten Fachzeitschriften verfügen, international bestens mit FachkollegInnen vernetzt sein und Leidenschaft und Begeisterung für sein Fach an den Tag legen, die oftmals viel Energie abverlangt. Das erfolgreiche Einwerben von Förderpreisen und Stipendien entpuppt sich meist als wahrer Karriere-Katalysator. „Derartige Grants sind ausschlaggebend dafür, wissenschaftliche Kontakte pflegen und Forschungsreisen finanzieren zu können, wodurch ein intensiveres Forschen ermöglicht wird“, meint Goulnara Arzhantseva, Professorin für Algebra an der Uni Wien. Und sie weiß, wovon sie spricht. Die aus Russland stammende Mathematikerin hatte bereits reichlich Erfahrung im Einwerben renommierter Forschungspreise, als sie 2010 den ERC Starting Grant für JungwissenschafterInnen gewonnen hat. Und dass sie sich die Universität Wien als Arbeitsort ausgesucht hat, ist nicht zuletzt dem hervorragenden internationalen Ruf der mathematischen Fakultät zu verdanken. Besonders schätze sie das internationale Umfeld, wo mit dem Erwin-Schrödinger-Institut, dem Wolfgang Pauli Institut und dem Kurt Gödel Research Center gleich drei namhafte Forschungseinrichtungen der Mathematik an einem Standort vereint seien, so die 38-Jährige. Mit ihrem Forschungsprojekt verfolgt die erste weibliche Mathematik-Professorin kein geringeres Ziel, als einen neuen Forschungszweig zu begründen. Gemeinsam mit ihrer Arbeitsgruppe widmet sich Arzhantseva der Entwicklung neuer Konzepte in der Gruppentheorie.
Und auch Pauer-Studer betont: „Entscheidend war für mich das Habilitationsstipendium des FWF für Frauen. Ohne dieses Stipendium wäre ich nicht so weit gekommen. Die österreichische Förderlandschaft hat hier wirklich vorbildliche Strukturen geschaffen.“ Ein weiteres Stipendium war es dann, das der angehenden Philosophie-Professorin einen zweijährigen Forschungsaufenthalt an der renommierten US-amerikanischen Universität Harvard ermöglichte. Als „unschätzbar wichtig“ bewertet die ERC-Preisträgerin diese Unterstützung heute für ihre Karriere.

Themen setzen. Man müsse Themen anschneiden, bevor andere es tun und die dann Mode werden. „Mitgestalten und nicht nur nachvollziehen, was andere gemacht haben“, nennt Meeresbiologe Herndl seine Erfolgsstrategie. Und Herndl hat Themen gesetzt. Derzeit erforscht er die Stoffwechselvorgänge von Mikroorganismen in der Tiefsee. Bis vor zehn Jahren habe man darüber kaum etwas gewusst, die Messmethoden seien einfach noch nicht sensitiv genug gewesen. Man wisse über die Oberfläche des Mondes besser Bescheid als über die Tiefsee, erzählt der Meeresforscher, obwohl die Tiefsee eine wichtige Funktion als globaler Kohlenstoffspeicher einnehme. Mit den selbst entwickelten Hochdrucksammelgefäßen sei es nun möglich, die Druckbedingungen herzustellen, die auch am Boden der Ozeane in 10.000 Metern Tiefe herrschen. Konkret suchen Herndl und sein Team nach Stoffwechselvorgängen in den tiefen, finsteren Gewässern, die ähnlich wie bei der Photosynthese Energie erzeugen, nur verwendeten die Organismen in der Tiefe nicht Licht als Energiequelle, sondern chemische Verbindungen, erklärt Herndl. Um die Proben für seine Messungen zu nehmen, verbringt der Tiefseeforscher mit seiner Arbeitsgruppe jedes Jahr einen Monat auf hoher See, an Bord des holländischen Forschungsschiffes „Pelagia“. Besonders schätzt der Meeresbiologe die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Abteilungen der renommierten Mikrobiologie an der Uni Wien, die sich mit Michael Wagner und Matthias Horn gleich über zwei ERC-Grants freuen darf.

Europäischer Forschungs(t)raum. Mit der Förderung exzellenter Projekte in der Grundlagenforschung will der Europäische Forschungsrat die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft Europas ankurbeln. Wie weit ist das Vorhaben bisher gelungen? Der Wettbewerb zwischen den Universitäten sei jedenfalls positiv einzuschätzen, meint ERC-Präsidentin Nowotny, die europäische Forschungslandschaft habe sich dadurch verändert und sei wettbewerbsfähiger und innovationsgeleiteter geworden. „Das europäische Patent wird seit 20 Jahren gefordert und jetzt ist es bald so weit“, kommentiert Nowotny die Verzögerung. Die schwierige Genese des europäischen Forschungspatents sei ein Indikator, wie schwer sich Europa immer noch tue in Sachen Innovation im Vergleich zu den USA. Es gehe darum, Start-up-Unternehmen zu fördern, Risikokapital zur Verfügung zu stellen, auch von Seiten der Industrie, ist Nowotny überzeugt. Nur über Innovation kann langfristig die Wettbewerbsfähigkeit gesichert werden. Die Stärkung der Forschung ist die notwendige Grundlage dafür.

Wer die begehrte Top-EU-Förderung in diesem Jahr bekommt, wird im Herbst bekannt gegeben. Über mangelnde Einreichungen seitens der Universität Wien kann man jedenfalls nicht klagen: 40 ForscherInnen haben sich mit ihren innovativen Ideen bei der aktuellen Ausschreibung beworben. Und drei der Starting-Grant-BewerberInnen dürfen sich schon ein bisschen freuen, sie haben es in die zweite Runde geschafft. Das Forschungsservice der Uni Wien unterstützt förderungswillige WissenschafterInnen dabei, „ihre genialen Ideen auf Papier zu bringen“, und arbeitet gemeinsam mit den BewerberInnen daran, „das Glück“ weitgehend zu minimieren.









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