SCHWERPUNKT
Migration als Spielball der Politik
|
Hintergründe der Politisierung. Die Argumente sprechen tiefe Ängste an – oder erzeugen sie. MigrantInnen seien eine Gefahr, die „Lösung“: Abschiebung und Zuwanderungsstopp. Anti-Migrationsparteien schüren die Ablehnung gezielt für ihre Zwecke, die nicht nur mit dem Thema selbst zu tun haben. Von Sieglinde Rosenberger | Artikel als PDF |
|
|
|
|
|
Migration und Integration sind wichtige Themen für die Universität Wien, in zweierlei Hinsicht: Zum einen als Arbeitgeberin und Bildungseinrichtung, in der Menschen internationaler Herkunft kooperieren, zum anderen als Forschungsstätte, in der interdisziplinär Lösungen zu brennenden gesellschaftlichen Fragen erarbeitet werden. |
|
|
Bereits im 18. Jahrhundert war Wien von Zuwanderung sichtbar geprägt. Der Anteil der sogenannten „Ortsfremden“ stieg im Jahr 1840 auf 43 Prozent, er hatte sich damit innerhalb weniger Jahrzehnte vervielfacht. Im heutigen Europa gehört Österreich zweifelsohne zu den Ländern mit den höchsten Anteilen von zugewanderten Menschen: 17 Prozent der Bevölkerung Österreichs haben Migrationshintergrund, wenn man die erste und die zweite Generation berücksichtigt. 15 Prozent der Arbeitskräfte sind im Ausland geboren (vergleichbar mit dem „Einwanderungsland“ Kanada), immer mehr ausländische Studierende haben sich an österreichischen Universitäten eingeschrieben und Pflegekräfte aus den neuen EU-Mitgliedsländern werden von Mittel- und Oberschichtfamilien gerne nachgefragt. Die serbisch-stämmige Bevölkerung Wiens entspricht der EinwohnerInnenzahl einer mittleren Stadt, aktuell aber ist Deutschland das Herkunftsland der meisten neuen ZuwanderInnen. |
|
|
Grafik: Woher kommen die MigrantInnen in Österreich? |
|
|
Regulierbarkeit nimmt ab. Die neuen Zuwanderungspfade werfen ihre Schatten auf das politische Gestaltbarkeitspotenzial: Nur mehr ein sehr kleiner Teil der Zuwanderung ist von der österreichischen Politik regulierbar. Denn EU-Integration und internationale Menschenrechtsbestimmungen haben der national definierten Staatsbürgerschaft die überwältigende Bedeutung bei der Konstitution von Rechten genommen – sie haben seit den 1990er Jahren den Handlungsspielraum von Nationalstaaten relativiert, wie die Soziologin Yasemin Soysal in ihrem Buch „Limits of Citizenship“ (1994) analysiert.
Die Veränderung der Zuwanderungspfade – die MigrantInnen kommen nun hauptsächlich aus Deutschland – und die reduzierten Steuerungsmöglichkeiten für Regierungen gehen aber nicht einher mit einer abnehmenden Politisierung von Migration. Im Gegenteil: Das Thema Migration spielt weiterhin eine prominente Rolle im Parteienwettbewerb, der Diskurs wird oft religiös zugespitzt und entlädt sich an besonders rechtlosen Gruppen wie AsylwerberInnen, die zahlenmäßig nur einen geringen Teil der MigrantInnen ausmachen. |
|
|
|
|
|
Migration steht in Österreich seit den 1980er Jahren auf der Agenda der politischen Parteien, nicht konsensual sondern konflikthaft und polarisierend. Entlang von Migration wird öffentliche Meinung mobilisiert, schärfen politische Parteien im Wettbewerb um Stimmen ihre ideologischen Profile mit inkludierenden (wie die Grünen) oder exkludierenden Angeboten (wie die rechtspopulistischen bzw. rechtsradikalen Parteien).
Die rechtspopulistische Politisierung von Zuwanderung, insbesondere in Wahlkämpfen, funktioniert ungeachtet der nationalstaatlichen Gestaltungseinbußen durch EU-Freizügigkeit oder bereits vorgenommene Einbürgerungen. Am viel zitierten Stammtisch oder in der aufgewühlten Wahlrede tut nämlich auch eine Staatsbürgerschaft wenig zur Sache. AusländerIn bleibt auch als naturalisierteR InländerIn AusländerIn, selbst Hunde scheinen dies nach Ansicht ihrer BesitzerInnen zu wissen, zeigte eine „Am Schauplatz“-Reportage im Jänner dieses Jahres.
Politisierung braucht laut der sozialwissenschaftlichen Framing-Analyse zweierlei: ein Problem und eine Problemlösung. In der ersten Politisierungsphase wird deutlich gemacht, welche Gruppen als „Problem“ definiert werden, zum Beispiel türkische Jugendliche oder Asylsuchende, und worin inhaltlich das Problem bestehe, zum Beispiel angebliche Kriminalität oder die Unterdrückung von Frauen. In der zweiten Phase identifizieren die Politisierenden „Lösungen“ für die davor definierten Probleme, zum Beispiel die Abschiebung von MigrantInnen oder ein Zuwanderungsstopp. In beiden Phasen geht es darum, an bestehende, kollektiv verständliche Bedeutungen anzuknüpfen, diese zu festigen oder sie zu modifizieren. Auffällig ist, dass in Österreich in den 1990er Jahren eher arbeitsmarktpolitische und sozialstaatliche Aspekte als „Probleme“ gewählt wurden. Heute werden hingegen abendländische und religiöse Werte adressiert, im Kontext von Sicherheit und Kultur.
|
Seite 2/2: Wie gelingt Integration? Drei Antworten.