1365 Gründe für die Universität Wien

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"...mehr als bloß Beschäftigung mit dem Fachgebiet"
Brigitte Bierlein, Erhard Busek, Friedrich Ch. Zauner, Michael Benedikt und Richard Bletschacher über durch das Studium erworbene Fähigkeiten

  

  

  

  

  

  

  


"Selbständiges analytisches Denken ebenso wie kritisches Hinterfragen ..."

Als Studentin der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät konnte ich die Zeit vor und nach 1968 - den Markierungspunkt einer gesellschaftlichen Aufbruchsbewegung - an der Alma Mater miterleben. Wie vieles - zum Glück - in Österreich milder und besonnener verläuft als anderswo, so auch diese Studentenrevolte! Das bisschen "Mief auf den Talaren" war bald gelüftet, Wissenschaft und Lehre hatten internationale Anerkennung und die Studierenden waren - soweit erkennbar - hoch motiviert und engagiert.         Selbständiges analytisches Denken durfte ich mir ebenso aneignen wie kritisches Hinterfragen von selbstverständlich Erscheinendem.

Auch in meiner jetzigen Funktion weiß ich zu schätzen, was es bedeutet, die damals erworbene Fähigkeit zum systematischen und dogmatischen Vorgehen täglich wie selbstverständlich umzusetzen. Ein Kritikpunkt allein: Das Stammhaus der Alma Mater war ungleich stimmiger als das nunmehr auch schon etwas schäbige "neue" Institutsgebäude.
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© Achim Bienek

  

Dr. Brigitte Bierlein
Vizepräsidentin des Verfassungsgerichtshofes




"Die Qualität des Gebotenen war mehrheitlich ausgezeichnet..."

1959 – 1963 war zweifellos eine andere Zeit als heute. Ich war aus persönlichen Gründen Werkstudent und muss mit Respekt sagen, dass bei einiger Anstrengung das damals auch möglich war, wobei ich in der Zeit mein Jus-Studium abgeschlossen habe. Ich habe sogar die Möglichkeit gehabt, meine Kommilitonen näher kennen zu lernen, wobei es neben den fachlichen Kontakten natürlich auch entsprechendes Engagement gegeben hat. Wir haben für mehr Bildungsbudget protestiert, einige politische Akzente waren auch dabei, wenngleich sie nicht so aggressiv gewesen sind wie einige Jahre später bei den 68ern.

Natürlich war die Universität auch damals schon überfüllt, aber das war kein Grund, sein Studium nicht organisieren zu können. Man hat neben dem fachlichen Inhalt natürlich auch „Management“ gelernt, wenngleich das auch damals noch nicht so geheißen hat.

Die Qualität des Gebotenen war mehrheitlich ausgezeichnet, wobei uns fasziniert hat, dass einige der Lehrenden noch tief hinein in eine Zeit reichten, die für uns keine Wirklichkeit mehr hatte. Adolf Merkel hat von der Verfassungsgebung der jungen Ersten Republik erzählt, Karl Wolf von der Universität Czernowitz, bei der wir nicht genau wussten, wo sie überhaupt gelegen war. Irgendwo war auch die Individualität und manchmal die Skurrilität der Professoren faszinierend – ich möchte es nicht vergessen. Allenthalben sei gesagt: für die damalige Zeit war es einfach spannend, an der Universität Wien zu sein, heute müsste ich allerdings auch einige Semester außerhalb Österreichs zubringen, aber Europa war damals noch ein fernes Märchen...

Dr. Erhard Busek
Sonderbeauftragter des Stabilitätspakts für Südeuropa




"Die Milch der wahren Weisheit"


Viele Nährmütter haben mich in meinen ruhlosen Jahren gesäugt, wenn auch nicht immer gestillt: München, Heidelberg, Paris und Wien. Die alma mater Rudolfina endlich hat mich entwöhnt und auf die eigenen Beine gestellt. Auf denen bin ich seither rund um den Globus gekommen. Wie hätt’ ich besser dafür danken können, als ihr, nach besinnlicheren Jahren, auch meine beiden Töchter anzuvertrauen. Die waren nicht ganz so ungeduldig und haben sich, nachdem sie einmal in Wien die Milch der wahren Weisheit gekostet haben, nirgendhin sonst verführen lassen. Und haben gut daran getan.

Ich wünsche weiterhin so wohl genährte Kinder. Ad multos annos!

Dr. Richard Bletschacher
Chefdramaturg i. R., Schriftsteller, Regisseur




"Auslandsbeziehungen durch das Studium"


Mein Studium an der Alma Mater Rudolphina von 1947-1952 aus Philosophie, Psychologie, Ethnologie, sowie Soziologie, Anglistik und Romanistik brachte neben gründlicher Ausbildung in den genannten Richtungen folgende Auslandsbeziehungen mit sich:

Fulbright-Stipendiat nach Saint Paul/Minneapolis und Auseinandersetzungen mit Maritain und Feigl ebendort. Später als Fulbright (Full Professor (1969-1971) nach Lancaster (Pennsylvania) Bezugnahme zu Cavell (Harvard) und zum Dickinson College bzw. zu Yale. Als Humboldt-Stipendiat konnte ich in Freiburg/Breisgau sowohl meine Beziehungen zu Welte, Heidegger, Heisenberg als auch zu Fink und A. Bergstraesser vertiefen. Da ich dort die Leitung des Institute of European Studies innehatte, gelang es mir, meine Beziehungen zu englischen Professoren, unter anderem mit Strawson und Hampshire als auch zu deutschen Kollegen wie Schulz und Derbolav zu erweitern. Als ordentlicher Professor an der Universität Wien für Philosophie ab 1976 war ich - abgesehen von hiesigen Verpflichtungen - in 17 Ländern zu Vorträgen und Seminaren eingeladen. So versuchte ich z.B. am College International de Philosophie an der Sorbonne, am Instituto Italiano degli Studi Filosofici (Napoli), an den Universitäten Budapest und Prag meine Untersuchungen zum „Philosophischen Empirismus“ sowie zur „Kritischen Anthropologie“ ins Gespräch zu bringen.

Die Samstag-Seminare zur Methodendiskussion der Natur-, gesellschafts- und Geisteswissenschaften am hiesigen Institut der Philosophie erfreuten sich über mehr als eineinhalb Jahrzehnte reger Teilnahme, ebenso wie das publizierte Seminar „Anthropologie des werdenden Lebens“. Der fünfte Band (1920-1951) einer Geschichte der Philosophie in Österreich „Verdrängter Humanismus - Verzögerte Aufklärung“ wird diesen Herbst im Akademischen Verlag Facultas erscheinen.

Em. Univ.Prof. Dr. Michael Benedikt
Philosoph, 1976-98 Professor an der Universität Wien



"Mehr als bloß ein Stück Jugend"


In der Tat war das Studium an der Universität Wien prägend für meine spätere Karriere.

Ich habe als 10jähriger Bauernbub in dem abgelegenen Dorf Rainbach im Innviertel angefangen Theaterstücke zu schreiben, ohne bis dahin je tatsächlich Theater erlebt zu haben. An der Universität Wien, eine der ganz wenigen damals, die Theaterwissenschaft angeboten hat, konnte ich mein Metier in praktischer und theoretischer Weise von Grund auf erlernen. Ein Studium ist ja immer auch mehr als bloß Beschäftigung mit dem Fachgebiet, die Universität bietet und fordert heraus, sich mit allgemeinem Bildungsgut auseinander zu setzen, das schließt auch immer den geistigen Raum und die Stadt, in der sie sich befindet, mit ein. ich hatte das Glück, in Wien die wohl größte Konzentration von bedeutenden Schauspielern im deutschen Sprachraum zu erleben.

Die Zeit an der Universität Wien war für mich mehr als bloß ein Stück meiner Jugend, die Theaterwissenschaft hat mir ganz sicher geholfen, meinen literarischen Horizont zu erweitern. besonders stolz darauf bin ich, dass ich in jenem Fach, welches ich studiert habe, mittlerweile selbst zu einem Dissertationsthema geworden bin.

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Friedrich Ch. Zauner
Schriftsteller, Präsident des Oberösterreichischen P.E.N.-Clubs
 

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