Sind wir Sklaven unserer maschinellen Produkte, und wenn ja – inwiefern?
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Wenn man sich an Stanley Kubricks „2001 – A Space Odyssey“ hält, ist der Mensch
von Anbeginn seiner Evolution von seiner selbst entwickelten Technik ge- und
befördert worden – wohin auch immer.
Der Kommunikationswissenschafter Oliver Heissenberger hat in seiner Diplomarbeit
„Fantasien des Posthumanen“ versucht Philosophie, Medientheorie und Science-Fiction
miteinander zu verbinden, ausgehend von den Theoretikern Marshall McLuhan,
Günther Anders und Vilém Flusser. Anhand von (meist bekannten) Filmbeispielen
wird exemplarisch über deren Theorien reflektiert, grobe interpretatorische Ansätze
bereit gestellt. Die Genreentwicklung des Science-Fiction aus einer literarischen
Gattung heraus wird ebenso an Beispielen veranschaulicht wie einzelne Motive
herausgegriffen (z. B. der Schachautomat).
Beziehungen zwischen »Einbildnern« und Philosophen liegen nahe. Die
Hauptfragen, die sich durchgehend stellen: Inwiefern ist die Erfahrbarkeit von
Botschaften abhängig vom verwendeten Medium? Kann sich Philosophie und/oder
Medientheorie im Film anders ausdrücken, als sie es gedruckt vermag? Inwiefern ist
eine Bewusstseinserweiterung des Rezipienten, die Erweiterung des
Erfahrungshorizontes durch das Medium angelegt und realisierbar?
Bei McLuhan etwa wird die Wahrnehmung von Botschaften über alle Sinne
angesprochen, eine Synästhesie im Kommunikationsprozess: „the medium is the
m(e/a)ssage“.
Mad Scientists– ein prometheisches Gefälle?
Die Vermenschlichung der Maschine (Kubricks „2001“ als Paradigmenwechsel)
steigert den Schauer-Effekt: Wo setzt man die Fähigkeit zur Urteilskraft (bei
Maschinen) bestmöglich an? Kann diese Fähigkeit programmiert werden, auch die
des ethnischen Empfindens?
Es finden sich die verschiedensten psychologischen Angstverschiebungen im
selbstentfremdeten Subjekt unserer Gesellschaft. Eine beliebte davon bleibt die
Auseinandersetzung im Maschine-Mensch Diskurs, die Laien fragen sich; wie ist es
um unsere »mad scientists« bestellt? So sind menschliche Werte wohl nur
programmierbar unter der Voraussetzung, dass der menschliche Schöpfer von
Apparate solche Eigenschaften selbst besitzt...
Bereits bei »Dr. Jekyll und Mr. Hyde« von R. L. Stevenson wird dieses Unbehagen
thematisiert. Durch die Selbsterhebung in göttlichen Status kann sich der homo
ludens schon selbst unheimlich werden. Hat der moderne und mündige Bürger seine
neue Fremdbestimmtheit bereits programmiert?
Technisch ist alles machbar – kann der Mensch von seinen eigenen Produkten
überrollt werden? Derartige Skepsis ist nicht neu, seit der industriellen Revolution
wird sie unübersehbar.
Telematisches Bewusstsein vs. Anthropologische Bedrohung
Die Angstwirkung funktioniert allein aufgrund des Beharrens auf der einen
(eigenen) Position. Etwa der eindeutig formulierten Botschaft: der Apparate-
Totalitarismus und dessen Missbrauch, führt uns in die Katastrophe des kulturellen
Verfalls, die Entropie.
Die Phantasie hingegen erlaubt uns solche Positionen zu verlassen, eine andere
einzunehmen und – wie es der Science-Fiction-Film immer wieder versucht – mit
diesem Wechsel angesichts einer möglichen Apokalypse zu spielen: so etwa eine
bewusste Entscheidung gegen eben diesen Totalitarismus und eine Mäßigkeit im
Gebrauch der Maschine, etwa der Entertainment-Industrie als einer deren
Ausläufer.
Heissenberger stellt das telematische Bewusstsein der Skepsis entgegen, sieht die
Herausforderung, die sich uns stellt: Telematik (Begriffszusammensetzung aus
Telekommunikation und Informatik) kann positive Utopien einer bisher ungelebten
und ungedachten Kultur vorantreiben, eine neue Menschwerdung im Sinne der
Koexistenz mit Technik ermöglichen. Eine Überwindung bisheriger Ideale und die
Schaffung neuer. Eine Lösung aus den Angstgedanken kann nur über neue, noch
unbedachte Möglichkeiten geschehen, weg vom Kulturpessimismus.
Die Diplomarbeit Heissenbergers bietet leicht lesbar eine interdisziplinäre
Rundschau – sowohl auf literarischem, medienwissenschaftlichem wie
philosophischem Feld, regt zur vertiefenden Auseinandersetzung an. Auf die
Schlussfrage, ob die Philosophie im klassischen Sinne obsolet wird und dieser
Diskurs sich nun »nur« mehr in den neuen Medien vollzieht, gibt der Autor keine
Antwort. Alle diesbezüglichen Fragestellungen werden und müssen sich meines
Erachtens Erwartungshorizonten anpassen – Transformationen von Diskursformen
sind zeitlos.
Die Diplomarbeit »Fantasien des Posthumanen. Medien, Technik und Science-
Fiction-Film« von Oliver Heissenberger ist im Volltext nachlesbar unter:
http://textfeld.ac.at/text/1412/
Der Autor
Oliver Heissenberger (geb. 1972, Mag. phil.) studierte von 1994 bis 2008 Publizistikund
Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien.
Die Rezensentin
Petra M.J. Mairer (geb. 1986) studiert seit 2005 Vergleichende Literaturwissenschaft
und Kunstgeschichte an der Universität Innsbruck.