Frei sind die Dinge - unfrei ist der Mensch?

Sind wir Sklaven unserer maschinellen Produkte, und wenn ja – inwiefern?



Heissenberger, Oliver:

Fantasien des Posthumanen. Medien, Technik und Science-Fiction-Film.

Diplomarbeit am Institut für Publizistik und Kommuniktationswissenschaften, Fakultät für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Universität Wien. Wien 2008


Wenn man sich an Stanley Kubricks „2001 – A Space Odyssey“ hält, ist der Mensch

von Anbeginn seiner Evolution von seiner selbst entwickelten Technik ge- und

befördert worden – wohin auch immer.

Der Kommunikationswissenschafter Oliver Heissenberger hat in seiner Diplomarbeit

Fantasien des Posthumanen“ versucht Philosophie, Medientheorie und Science-Fiction

miteinander zu verbinden, ausgehend von den Theoretikern Marshall McLuhan,

Günther Anders und Vilém Flusser. Anhand von (meist bekannten) Filmbeispielen

wird exemplarisch über deren Theorien reflektiert, grobe interpretatorische Ansätze

bereit gestellt. Die Genreentwicklung des Science-Fiction aus einer literarischen

Gattung heraus wird ebenso an Beispielen veranschaulicht wie einzelne Motive

herausgegriffen (z. B. der Schachautomat).

Beziehungen zwischen »Einbildnern« und Philosophen liegen nahe. Die

Hauptfragen, die sich durchgehend stellen: Inwiefern ist die Erfahrbarkeit von

Botschaften abhängig vom verwendeten Medium? Kann sich Philosophie und/oder

Medientheorie im Film anders ausdrücken, als sie es gedruckt vermag? Inwiefern ist

eine Bewusstseinserweiterung des Rezipienten, die Erweiterung des

Erfahrungshorizontes durch das Medium angelegt und realisierbar?

Bei McLuhan etwa wird die Wahrnehmung von Botschaften über alle Sinne

angesprochen, eine Synästhesie im Kommunikationsprozess: the medium is the

m(e/a)ssage.

 

 

Mad Scientists– ein prometheisches Gefälle?

 

Die Vermenschlichung der Maschine (Kubricks „2001“ als Paradigmenwechsel)

steigert den Schauer-Effekt: Wo setzt man die Fähigkeit zur Urteilskraft (bei

Maschinen) bestmöglich an? Kann diese Fähigkeit programmiert werden, auch die

des ethnischen Empfindens?

Es finden sich die verschiedensten psychologischen Angstverschiebungen im

selbstentfremdeten Subjekt unserer Gesellschaft. Eine beliebte davon bleibt die

Auseinandersetzung im Maschine-Mensch Diskurs, die Laien fragen sich; wie ist es

um unsere »mad scientists« bestellt? So sind menschliche Werte wohl nur

programmierbar unter der Voraussetzung, dass der menschliche Schöpfer von

Apparate solche Eigenschaften selbst besitzt...

Bereits bei »Dr. Jekyll und Mr. Hyde« von R. L. Stevenson wird dieses Unbehagen

thematisiert. Durch die Selbsterhebung in göttlichen Status kann sich der homo

ludens schon selbst unheimlich werden. Hat der moderne und mündige Bürger seine

neue Fremdbestimmtheit bereits programmiert?

Technisch ist alles machbar – kann der Mensch von seinen eigenen Produkten

überrollt werden? Derartige Skepsis ist nicht neu, seit der industriellen Revolution

wird sie unübersehbar.

 

 

Telematisches Bewusstsein vs. Anthropologische Bedrohung

 

Die Angstwirkung funktioniert allein aufgrund des Beharrens auf der einen

(eigenen) Position. Etwa der eindeutig formulierten Botschaft: der Apparate-

Totalitarismus und dessen Missbrauch, führt uns in die Katastrophe des kulturellen

Verfalls, die Entropie.

Die Phantasie hingegen erlaubt uns solche Positionen zu verlassen, eine andere

einzunehmen und – wie es der Science-Fiction-Film immer wieder versucht – mit

diesem Wechsel angesichts einer möglichen Apokalypse zu spielen: so etwa eine

bewusste Entscheidung gegen eben diesen Totalitarismus und eine Mäßigkeit im

Gebrauch der Maschine, etwa der Entertainment-Industrie als einer deren

Ausläufer.

Heissenberger stellt das telematische Bewusstsein der Skepsis entgegen, sieht die

Herausforderung, die sich uns stellt: Telematik (Begriffszusammensetzung aus

Telekommunikation und Informatik) kann positive Utopien einer bisher ungelebten

und ungedachten Kultur vorantreiben, eine neue Menschwerdung im Sinne der

Koexistenz mit Technik ermöglichen. Eine Überwindung bisheriger Ideale und die

Schaffung neuer. Eine Lösung aus den Angstgedanken kann nur über neue, noch

unbedachte Möglichkeiten geschehen, weg vom Kulturpessimismus.

Die Diplomarbeit Heissenbergers bietet leicht lesbar eine interdisziplinäre

Rundschau – sowohl auf literarischem, medienwissenschaftlichem wie

philosophischem Feld, regt zur vertiefenden Auseinandersetzung an. Auf die

Schlussfrage, ob die Philosophie im klassischen Sinne obsolet wird und dieser

Diskurs sich nun »nur« mehr in den neuen Medien vollzieht, gibt der Autor keine

Antwort. Alle diesbezüglichen Fragestellungen werden und müssen sich meines

Erachtens Erwartungshorizonten anpassen – Transformationen von Diskursformen

sind zeitlos.

 

Die Diplomarbeit »Fantasien des Posthumanen. Medien, Technik und Science-

Fiction-Film« von Oliver Heissenberger ist im Volltext nachlesbar unter:

 

http://textfeld.ac.at/text/1412/

 

 

Der Autor

Oliver Heissenberger (geb. 1972, Mag. phil.) studierte von 1994 bis 2008 Publizistikund

Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien.

 

Die Rezensentin

Petra M.J. Mairer (geb. 1986) studiert seit 2005 Vergleichende Literaturwissenschaft

und Kunstgeschichte an der Universität Innsbruck.

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