Wortlose Kommunikation - Sprechen über viele Kanäle

Zur empathischen Kommunikation zwischen Mutter und Säugling



Greif, Georg:

Die existenzielle Bedeutung empathischer Kommunikation in der Begegnung zwischen Mutter und Säugling.

Diplomarbeit am Institut für Publizistik & Kommunikationswissenschaften, Universität Wien. Wien 2003


  

Der Säuglingsforschung jüngeren Datums ist ein Paradigmenwechsel zu verdanken, der die

Sicht auf Säuglinge grundlegend neu definiert. Neugeborene sind nicht durch Defizite

gekennzeichnet, sondern mit zahlreichen Kompetenzen ausgestattet. Einer dieser

Kompetenzen widmet sich Georg Greifs Diplomarbeit, nämlich der vorsprachlichempathischen

Kommunikation des Säuglings mit den primären Bezugspersonen - hier vor

allem der Interaktion zwischen Mutter und Kind.

Ohne Frage ein bedeutsames Thema, dessen Behandlung allerdings nicht ganz

unproblematisch ist, da die fehlende empirische Überprüfbarkeit des Forschungsgegenstandes

einen analytischen Zugang mit wissenschaftlichen Methoden unmöglich macht. Dieser

Schwierigkeit ist sich der Autor bewusst, weshalb dem eigentlichen Thema, nämlich der

existenziellen Bedeutung empathischer Kommunikation zwischen Mutter und Säugling ein

nur vergleichsweise geringer Teil der Diplomarbeit gewidmet ist, während der Schwerpunkt

auf einem Überblick aktueller Säuglingsforschung und Entwicklungspsychologie, spezifischer

kommunikationswissenschaftlicher Theorien, liegt. Diese interdisziplinäre Betrachtungsweise

ist zwar gerade in Bezug auf diese komplexe Thematik sinnvoll, löst aber die Erwartungen,

die der Titel suggeriert, leider nur bedingt ein.

  

  

Einfühlsames Verstehen als Ausgangspunkt

  

Greif stellt zu Beginn Befunde aus der Säuglingsforschung vor, die nahe legen, dass Kinder

von Geburt an eine Art holistische Realitätsauffassung und eine ausgeprägte Bereitschaft zur

Aufnahme und Produktion sozialer Signale besitzen. Da das Repertoire vorsprachlicher

Äußerungen von Säuglingen noch sehr gering ist, ist die Dekodierung kindlicher Laute durch

die Bezugspersonen und damit ein einfühlsames, also empathisches Verstehen um so

wichtiger. Empathie wird hier als eine intuitiv-emotionale Reaktion auf die Äußerungen des

Kindes verstanden, die es der Bezugsperson ermöglicht, Ausdrücke des Kindes 'mitzufühlen'

und erst in einem weiteren Schritt auf der kognitiven Ebene zu bearbeiten. Diese Erfahrung ist

vielen Eltern im Zusammenleben mit Säuglingen vertraut, können sie doch schon nach kurzer

Zeit aufgrund kleinster Differenzierungen der Laute ihres Kindes die Bedeutung fast intuitiv

erfassen und entsprechend beantworten.

Wesentlich für eine empathische Beziehung ist die eigene Biographie. Wer selbst kein

Verständnis in emotionaler Hinsicht als Kind erfahren hat, wird auch kaum

Lernmöglichkeiten erhalten haben, sich im mitfühlenden Verstehen zu üben. Hierzu führt

Greif einige wissenschaftliche Belege an, die zeigen, dass eine fehlende Einfühlung in die

neue Rolle als Mutter/Vater oder depressive Phänomene auf das Neugeborene deutliche

Auswirkungen zeigen, da Säuglinge über keine Affektbeherrschung verfügen und daher auf

Außenreize und Stimmungslagen unmittelbar reagieren. Demnach werden indifferente oder

ablehnende Gefühle durch die Mutter vom Säugling ungefiltert aufgenommen, was sich bei

längerem Anhalten vor allem auf die Bindungsfähigkeit des Kindes zur Mutter negativ

auswirken kann und die Entwicklung empathischer Kommunikation hemmt.

  

  

Über 'echte Gefühle' und 'falsches Lächeln'

  

Authentisches Verhalten ist untrennbar mit empathischem Verstehen verbunden. Empathische

Kommunikation zwischen Mutter und Säugling stellt einen Prozess dar, der sich der

bewussten Steuerung entzieht, sondern ausschließlich auf der Ebene der Intuition und

Emotion stattfindet. Um Empathie zu lernen ist es daher für den Säugling entscheidend,

Gefühlsäußerungen durch die ihn betreuenden Personen mitzuerleben und nachvollziehen zu

können. Wie aus der von Greif zitierten Literatur deutlich hervorgeht, stellt die so genannte

Affektspiegelung durch die Mutter bzw. Eltern hierbei einen zentralen Aspekt dar. Dabei wird

ein kindlicher Affekt (staunen, lachen, erschrecken, etc.) vom Erwachsenen aufgegriffen und

in betont übertriebener Weise an das Kind zurückgespiegelt. Dadurch kommt es in der Regel

zu einer Nachahmung oder 'Gefühlsansteckung' durch das Kind, wodurch die Affekte für den

Säugling nachvollziehbar werden. Das Teilhaben an den Affekten des anderen ermöglicht

gleichzeitig das Lernen von Empathiefähigkeit.

Wesentlich dabei ist, dass die Gefühlsäußerungen echt, also authentischen Ursprungs sind und

nicht vorgetäuscht werden. Hierzu verweist Greif auf eine interessante Studie, die belegt, dass

bereits Säuglinge in der Lage sind, zwischen 'echtem' und 'falschem' Lächeln eines

Erwachsenen zu unterscheiden und durch 'Falschheit' der Gefühlsäußerungen das für den

Säugling notwendige 'Feedback-System' mit der Mutter unterbrochen und das Verstehen

eigener und fremder emotionaler Äußerungen deutlich erschwert wird.

  

  

Philosophische Betrachtungsweisen: „Existenz ist nicht, sondern wird" (Jaspers)

  

Die von der Säuglingsforschung vertretene Annahme, dass eine authentische Begegnung eine

notwendige Bedingung für die Entwicklung und Entfaltung des Selbst darstellt, bildet die

Verbindung zum philosophischen Teil der vorliegenden Arbeit. Greif stellt hier Gedanken

Karl Jaspers, Martin Bubers und Emmanuel Levinas' näher vor. Alle drei gehen davon aus,

dass das der einzelne Mensch nie getrennt vom anderen verstanden werden kann.

Empathische Kommunikation spielt hierbei eine wichtige Rolle, da nach dieser Auffassung in

der kommunikativen Begegnung (verbal und nonverbal) die Grundlage der

Existenzverwirklichung zu finden ist. Die echte, offene und somit empathische Zuwendung

der Mutter zum Kind bilden die Basis für eine Beziehung zwischen dem Ich und dem Du

(Buber) wodurch dem Säugling die Entwicklung eines Bewusstseins über sich selbst

ermöglicht wird.

Ausgehend von dieser Betrachtungsweise schlägt Greif abschließend eine Brücke zur

Gegenwart und führt mit Richard Sennett, Arno Gruen und Peter Glotz drei weitere Denker

ein, die einen gesellschaftsrelevanten Kontext zum Thema herstellen sollen. Besonders die in

diesem Abschnitt angeführten Befunde sind leider nicht immer schlüssig dargestellt. Zwar

konstatieren die angeführten Philosophen allesamt eine gesellschaftliche Realität, die der

Herausbildung einer empathischen Atmosphäre entgegensteht, allerdings werden von Greif

hier kaum Anknüpfungspunkte zwischen dem behaupteten zunehmenden Verlust von

Empathie in der modernen Gesellschaft und der kindlichen Entwicklung geboten. Der

Hintergrund, auf dem die drei letztgenannten Philosophen das Thema Empathie behandeln ist

zudem äußerst unterschiedlich (Empathie als im Alltag hinderliche Sentimentalität,

Empathische Kommunikation im Zusammenhang mit Medienkritik oder Verlust von

Mitgefühl durch steigende ökonomische Zwänge) und so bleibt unklar, was der Autor konkret

mit dieser Darstellung bezweckt.

Auch wenn nicht alle Abschnitte der Arbeit ein kohärentes Bild liefern, bietet die vorliegende

Diplomarbeit einen vielschichtigen Einblick über die Bedeutung des Sich-Mitteilens und

Mitfühlens im Säuglingsalter für das Entstehen von empathischen Empfindungen und die

Entwicklung unseres Selbst. Gerade dieser Aspekt scheint in der gängigen Literatur die

werdenden oder jungen Eltern zur Verfügung steht unterrepräsentiert, so dass die Lektüre

dieser Arbeit eine gute Ergänzung liefert.

  

Die Diplomarbeit „Die existenzielle Bedeutung empathischer Kommunikation in der Begegnung zwischen Mutter und Säugling" ist im Volltext auf:

  

http://www.textfeld.ac.at/text/630  

  

  

Der Autor

Georg Greif (Mag.phil, Jg.1972) studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaften

und Politikwissenschaften an der Universität Wien. Seit 2001 Betreuung von Menschen mit

Behinderungen in einer Wohngemeinschaft des Vereins GIN und Mitarbeiter des Vereins

textfeld.

  

Die Rezensentin

Mag. Christa Wieland studierte Erziehungswissenschaften und Philosophie an der Universität

Salzburg und arbeitet seit 2000 als Pädagogische Mitarbeiterin in der Erwachsenenbildung.

  

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