Schutz vor dem Naturschutz

Über die Gegnerschaft zum steirischen Nationalpark Gesäuse 



Würflinger, Roland

'Kultur statt verwilderte Natur' - Der Widerstand gegen die Errichtung des Nationalparks Gesäuse. Eine historische Diskursanalyse als Beitrag zur Umweltgeschichte Österreichs.

Diplomarbeit am Institut für Geschichte, Universität Wien. Wien 2007


   

Wenn schon Urlaub in der freien Natur, dann doch in einem Nationalpark - dort wo die Natur noch unberührt zu sein scheint. Offenbar wird diese Ansicht aber nicht von allen geteilt. Warum sonst wären sechs der zwölf geplanten Nationalparks in Österreich verhindert worden? Ronald Würflinger hat sich in einer umwelthistorischen Diplomarbeit mit den Vorstellungen von Natur und argumentativen Strategien der Gegner des Nationalparks Gesäuse beschäftigt.

  

Dieser Park in der Obersteiermark war 1997 von der Landesregierung beschlossen worden. Fünf Jahre später erfolgte seine Eröffnung, obwohl sich die lokale Bevölkerung in einer Abstimmung dagegen ausgesprochen hatte. Er konnte nur durchgesetzt werden, weil er von vornherein größtenteils auf dem Grund der steiermärkischen Landesforste und des Stiftes Admont geplant wurde.

  

  

„Wir fragen uns: Wer will denn das [nicht]?"

  

Die Konflikte um Nationalparks ergeben sich zunächst aus Landnutzungskonflikten: Der Nationalpark Gesäuse wurde als Kategorie II-Park nach den Vorgaben der International Union for Conservation of Nature geplant und erlaubt daher nur sehr begrenzte Nutzung für Jagd, Land- und Forstwirtschaft. Es sprechen daher ganz einfache ökonomische Argumente gegen diesen Nationalpark. Während der Großgrundbesitzer Stift Admont im Laufe der Debatte um die Errichtung des Parks Gesäuse von den tourismusökonomischen Vorteilen überzeugt werden konnte, war dies vor allem bei kleineren Grundbesitzern, Personen mit historischen Nutzungsrechten (Servitutsrechten) und verpachteten Grundstücken nicht der Fall. Kurz nach dem Beschluss der Landesregierung zur Einrichtung des Nationalparks schlossen sich im Frühjahr 1997 seine Gegner in der „Schutzgemeinschaft der vom Nationalpark Gesäuse Betroffenen" zusammen. Ihr mediales Sprachrohr, die Zeitschrift „Heimat Gesäuse", hat Würflinger im Detail analysiert.

  

  

Gefahren des Naturschutzes oder Alpines Disneyland und Waldwüste

  

Würflinger hat mehrere argumentative Strategien identifiziert. Zu den vorgebrachten Argumenten zählen neben anderen das Problem der wirtschaftlichen Verluste und die Ablehnung des Entscheidungsprozesses selbst. Die Schutzgemeinschaft argumentierte, dass nur die lokale Bevölkerung über einen Nationalpark entscheiden dürfe. Zwei weitere Argumentationsmuster sind besonders interessant, da in ihnen das Umweltthema Nachhaltigkeit verwendet wird: Die Schutzgemeinschaft war nämlich nicht prinzipiell gegen einen Nationalpark, sondern befürwortete die weniger strenge Kategorie V, die eine Erhaltung der mit Heimat konnotierten Kulturlandschaft erlaubte. Nur dadurch werde die Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen als Grundprinzip der Nachhaltigkeit sichergestellt. Die Herstellung von wilder, sich selbst überlassener Natur hingegen widerspreche dieser Verantwortung, da sie die Gefahr von Naturkatastrophen und Verwüstung erhöhe. In diesem Sinne müssen Heimat und Kultur vor Natur (und ihrem Schutz) geschützt werden.

  

  

Sekundäre Wildnis

  

Mit dieser Interpretation von Natur streifte die Schutzgemeinschaft ein grundlegendes Problem des Naturschutzes: Was wird hier eigentlich wie geschützt? Gibt es überhaupt noch „Wilde Natur" in den Alpen? Es kann also geschützt bzw. konserviert werden, was heute da ist, inklusive den bestehenden menschlichen Eingriffen, oder es wird „renaturiert", also eine neue oder „sekundäre" Wildnis erzeugt. Wer will aber so eine Wildnis, bzw. wer will sie nicht?

  

Unter Anwendung eines theoretischen Modells von Michael Thompson kommt Würflinger zum Schluss, dass der Konflikt um die Errichtung des Nationalparks Gesäuse auf grundlegend verschiedenen Verständnissen von Natur beruht: Das hierarchische Naturverständnis der Schutzgemeinschaft geht davon aus, dass Natur kontrollierbar ist und bis zu bestimmten Grenzen als Ressource genutzt werden kann, aber auch gepflegt werden muss. Die Natur im Gesäuse befinde sich in einem Idealzustand, den man erhalten soll.

  


Und die Naturschützer?

  

Die Naturschützer gehen gemäß Thompsons Theorie mit ihrem egalitaristischen Naturverständnis von der Verletzbarkeit der Natur aus. Die Natur steht dem Menschen ebenbürtig gegenüber; die Grenzen ihrer der Nutzbarkeit sind unbekannt. Natur müsse daher vor dem Menschen weitestgehend geschützt werden. Während Würflinger in seiner Analyse ein sehr detailliertes Bild der Nationalparkgegner und ihrem hierarchischen Naturverständnis gezeichnet hat, wird auf die Naturschützer und ihre Argumente im Detail nicht eingegangen. Das wäre vor allem deshalb interessant gewesen, weil hier nicht die klassischen naturschützenden Organisationen die treibenden Kräfte für die Umsetzung des Nationalparks waren, sondern die Landesregierung selbst. Eine stärkere Einbindung der Stimme der Nationalpark-Befürworter hätte sich auch gelohnt, weil man damit aufzeigen könnte inwieweit Gegenargumente eine Reaktion auf Pro-Argumente waren. Nichtsdestotrotz kann Würflinger seine Thesen überzeugend argumentieren und vor allem auf ein breites Kontextwissen zurückgreifen. Das macht die Lektüre der Arbeit auch für all jene ergiebig, die sich für einen Überblick über die jüngere Geschichte von Nationalparks und ihrer Gegnerschaft interessieren.

  

  

Ronald Würflingers Diplomarbeit „'Kultur statt verwilderte Natur' Der Widerstand gegen die Errichtung des Nationalparks Gesäuse. Eine historische Diskursanalyse als Beitrag zur Umweltgeschichte Österreichs." (2007) kann im Volltext unter http://www.textfeld.ac.at/text/886/ nachgelesen werden.

  

Der Autor

Ronald Würflinger (Jg. 1979, Mag.phil) hat Geschichtswissenschaft mit dem Schwerpunkt Umweltgeschichte an der Universität Wien studiert. Seit 2007 ist er für die Organisation Arbeitskreis Wachau tätig.

  

Der Rezensent

Jakob Calice (Jg. 1979, Mag.phil)  ist Mitarbeiter von textfeld und schreibt als Stipendiat der Leeds Metropolitan University seine Dissertation über alpinen Wellness- und Natur-Tourismus.

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